Montag, 27. November 2017

Rote Lippen sind nicht zum Küssen da


„That sounds like a good night, wish I was there haha! What flavour ice cream?“

Ich bin froh, dass er nicht da ist. Vielleicht sollte ich ihn das wissen lassen. Wie schreibe ich auf Englisch, dass ich heute einfach nicht mit anderen Menschen kompatibel bin? Und wie sage ich am besten, dass ich die Frage nach der Eissorte ziemlich seltsam finde und dass ihn das nichts angeht?

„Chocolate, of course. :D“

Ich habe nicht mal Lust, gemein zu sein. Deute nett an, dass ich gerade gerne allein bin und opfere keine Kraft, eine bissig-raffinierte Antwort zu formulieren.

„We should watch lilo and stitch 2 sometime….with chocolate ice cream?“

Und da habe ich den Salat. Unehrlich sein hilft auch nicht.
Nein, ich will nicht mit dir allein in deiner Wohnung sein,
die Idee, nach meiner Lieblingseissorte zu fragen um mich dann damit anzulocken, als würdest du mich und meine Vorlieben schon ewig kennen, ist grauenvoll,
auch wenn du vor zwei Wochen meinen absoluten Lieblingsfilm vorgeschlagen hättest, wäre ich nicht mit dir ins Kino gegangen,
und ich hab vorhin nur überrascht getan, als du mich plötzlich angesprochen hast, ich habe dich schon aus der Ferne gesehen, nach meinem Handy gegriffen und konzentriert auf den Bildschirm gestarrt, bin so schnell wie möglich an dir vorbeigelaufen, habe im Augenwinkel gesehen, dass du mir folgst und hab mich nur noch mehr beeilt, ehe du mich schließlich eingeholt hast
und mein Lächeln war falsch, die ganze Zeit.

Und wenn ich dir jetzt offen ins Gesicht sage, dass ich nichts von dir will? Oder zumindest nebenbei andeute, dass ich ach so glücklich bin als Single und keine Lust habe auf diesen ganzen Stress? Dann war das vermutlich das letzte Mal, dass ich etwas von dir gehört habe, genau wie mit dem anderen Typen, den wir vorgestern in der Bar gesehen haben, erinnerst du dich noch?

Es nervt mich, es nervt mich so sehr. Dass Kerle immer dann ankommen, wenn man sie sich vom Leib halten will und sie den Schwanz einziehen, sobald man andeutet, dass man nicht auf sie steht. Danke, dass du so sehr an meinem Charakter interessiert bist und nicht nur an meiner Wert als potentielle Freundin oder Bettgenossin, was immer dir halt so vorschwebt, nachdem wir uns seit drei Tagen kennen oder insgesamt knapp zwei Stunden miteinander geredet haben. Danke, dass du so sensibel auf meine Reaktionen achtest und mir nicht immer offensichtlicher ins Ohr schreist, was du willst, weil ich das ja anscheinend nicht mitbekomme. Ohnehin, danke, dass du gefragt hast, ob ich nicht vielleicht doch einen Freund habe, daheim in Deutschland, das erwähnen ja nicht alle in jedem dritten Satz.

Nein, da ist niemand in Berlin, aber ich hätte Lust, es einfach zu behaupten. Ich will nicht auf diesen oberflächlichen Markt geworfen werden, ich will diese Menschen wirklich kennenlernen, ohne Vorurteile, ohne bewertet zur werden als Freundin oder nicht-Freundin.

Komisch zu hören, wie mein Mitbewohner sich nebenan gerade sehr erfolgreich mit dem Mädchen anfreundet, das ich ihm vorgestellt habe – das war auch in der Bar, vorgestern, und seitdem haben sie sich jeden Abend gesehen. Ich weiß nicht, warum ich nicht so sein kann, warum ich diese Hemmungen habe. So ein bisschen waren sie schon immer da. Ich erinnere mich noch an meine Panik in der zwölften Klasse – wie ich mich diesen Frühling darauf eingelassen habe und tatsächlich Spaß hatte – wie mein Vertrauen im August wieder eingerissen wurde.

Wie unglaublich kompliziert das alles ist. Selbst wenn man nichts damit zu tun haben will, denn das kann man offensichtlich nicht allein entscheiden.
Was ist jetzt trauriger?
Diese verzweifelten Menschen, die sich an jemanden klammern, den sie kaum kennen? Denn sonst wüssten sie, was ich über all das denke.
Oder ich, weil ich für den Moment aufgegeben habe und niemandem eine Chance gebe? Kategorisch jeden ausschließe, der mir zu nahe kommt?

Ich weiß es nicht. Und drehe den Techno-Beat lauter, um die beiden Stimmen im anderen Zimmer nicht hören zu müssen.



(Der Fokus verrät, dass die Batterien in meinem Fernauslöser alle waren - verzeiht mir, ich hab natürlich direkt neue geholt!)

Sonntag, 24. September 2017

Kein Heimweh

Noch habe ich kein Heimweh. Ich sitze in meinem kleinen Zimmerchen, das mir schon so vertraut ist, höre die gleiche melancholische Indie-Musik wie immer und draußen miaut die fremde Katze, die immer um Futter bettelt, weil mein Mitbewohner sie manchmal füttert. Für ein paar Minuten lasse ich sie in mein Zimmer und sie rollt sich schnurrend in meinem Schoß zusammen, ehe ich sie wieder vor die Tür setzen muss. Wahrscheinlich keine gute Idee, aber doch die richtige Wahl in diesem Moment.

Ich fühle mich wohl hier, aber ich bin erschöpft. Seit eineinhalb Wochen lebe ich inzwischen in Birmingham, und ich gewöhne mich an die fremden Supermärkte, an die verwirrend großen two pence-Münzen und das wechselhafte Wetter. Nicht ganz an die Sprache; niemand erwartet astreines Englisch von mir, aber es stört mich, dass ich manchmal so unbeholfen klinge oder vergesse, was Gummistiefel heißt oder Deckel. Ich merke, dass ich fremd bin, denn weder in der Schule noch an der Uni lernt man, wie die Menschen tatsächlich reden und manchmal kommt mir das alles so künstlich vor, als wären meine Worte nur ein Konstrukt, das möglich echt klingen soll.

Ich stelle mich immer mit meinem zweiten Namen vor – plötzlich bin ich nicht mehr Mara und das ist verwirrend und spannend zugleich. Ich habe so viele Leute kennengelernt und obwohl ich froh darüber bin, macht es mich müde. So viel reden, erzählen und zuhören, alles auf Englisch, viel zu viel Ale und Shots und laute Musik, bis ich nur noch vorgebe, deine Worte zu verstehen und dich reden lasse und kommentiere, falls ich doch mal einen Fetzen mitbekomme. Oder auf den Floor gehe und mich zwinge, zu tanzen, obwohl die Musik viel zu langsam ist für mich und ich trotz Vorglühen und drei weiteren Shots nicht betrunken genug bin und ja, ich will tanzen, genau das tue ich doch schon, aber nicht mit dir und bitte schau mich nicht so an und vor allem fass mich nicht an.

Ich brauche wirklich eine Pause. Einen Tag für mich. Kein Wandern in der Gruppe, kein Fahrradfahren in diesen seltsamen Hügeln, sondern ein Spaziergang, hoffentlich mit trockenen Füßen und meiner Musik und keinen Menschen. Ruhe, um das alles zu realisieren, um neue Gedanken zu sammeln und mich darauf einzustellen, dass ich ab morgen in eine fremde Uni muss und ein Vorsingen habe. Ruhe, um mich wieder darauf freuen zu können, neue Leute kennenzulernen, vielleicht in dem Gender-Seminar oder beim Disney-Karaoke, oder sogar beim Tanzen, wenn die Musik besser ist und ich nüchtern bin. Ruhe, um nach all der Hektik wieder zu mir zurückzufinden und Kraft zu sammeln, um aus diesen neun Monaten das Beste zu machen.

Denn ich habe immer noch kein Heimweh. Ich bin neugierig.



(Für einsame Tage gibt es in Birmingham einen wundervollen botanischen Garten,


den ich mit meiner selbst zusammengebastelten Analogkamera erkundet habe,


und meine alte Heimat habe ich für den Notfall ohnehin dabei.)

Mittwoch, 19. April 2017

Harmonie


Keine Umstände machen. Akzeptiert werden, wenn nicht gar gemocht. Harmonie.

Wenn ich erzähle, dass ich früher der Teufelsbraten unter meinen Geschwistern war, der kleine Zankapfel, der immer einen Streit vom Zaun gebrochen hat, sind die meisten erstaunt. Wutanfälle? Geschrei? Du doch nicht!
Denn heute sieht man davon nichts mehr.
Wann habe ich mich das letzte Mal ernsthaft mit jemandem gestritten? Wann bin ich mit geballten Emotionen auf jemanden zugegangen und habe gesagt, was mir nicht passt?


Denn heute sieht man davon nichts mehr.
Aber es ist noch da. Während ich schweige, um niemanden zu verärgern, der Harmonie wegen, alles herunterschlucke, der Harmonie wegen, diese Gefühle in mir zusammenballe, der Harmonie wegen, Probleme mit mir selbst lösen will, obwohl zwei dazu gehören, der Harmonie wegen – während ich das tue, zerbreche ich die Harmonie in mir selbst.


Ich habe Angst, dass die Menschen mich anders sehen, als ich bin. Oder anders, als ich mich fühle. Am meisten Angst vielleicht, dass jemand mich durchschaut, bevor ich es selbst tue. Es ist so paradox. Und ich weiß, dass man nicht allen Menschen gefallen kann, aber ich zeige heuchlerisch auf ein oder zwei Personen, die ich verbannt habe und versuche, es all den anderen recht zu machen. Es funktioniert nicht.


Ich will nicht bedauert werden und ich will nicht seltsam sein. Ich habe Angst, wieder die Außenseiterrolle einzunehmen und genau diese Angst ist es vielleicht, die mich in diese Richtung stößt. Wenn man alles richtig machen will, macht man vieles falsch und das bleibt nicht unbemerkt. Behutsam bemalte Porzellanpuppe, die von feinen Sprüngen durchzogen ist. Vielleicht ein wenig lädiert, vielleicht auch zusammengeklebte Scherben, man weiß es nicht. Sie würde es ohnehin nie zugeben.


Es wundert mich, dass ich doch nicht so einfach zu lesen bin. Auf der einen Seite schütte ich mein Herz aus, aber dann bin ich plötzlich froh, dass noch niemand herausgefunden hat, wie mein Innerstes funktioniert. Ich weiß nicht, ob ich diese Verletzlichkeit ertrage.
Ich beginne, zu verstehen, was der Preis ist. Wenn andere auf meine Grenzen stoßen – sorgfältig konstruierte Palisaden – finde ich auch ihre. Und da ist kein Zaun, mit dem sie mich davon abhalten wollen, sie zu verstehen. Nein, sie laden mich ein, und ich laufe gegen eine unsichtbare Barriere, die nur in meinen Gedanken existiert.

Und eigentlich wollte ich doch nur niemanden enttäuschen.
Aber ich tue es. Meistens nur in meinem Kopf.

Montag, 17. April 2017

Irgendwas mit Medien


»Ich bin von der Zeitung, deswegen teste ich Eisläden«, erkläre ich dem kleinen Jungen, der am Zaun des Kindergartens steht und mit großen Augen dabei zuschaut, wie ich das Eis in meiner Hand fotografiere. Er antwortet nicht, aber als ich ein Stück weitergehe, höre ich, wie er seinem Freund von meinem Beruf erzählt – vermutlich habe ich gerade zwei Nachwuchs-Journalisten angeworben.

Auf die Standard-Frage Nummer eins – »Was studierst du?« – folgt nach der Antwort »Deutsche Literatur und Englisch« meist Standard-Frage Nummer zwei – »Und was willst du dann damit machen?« LiteraturwissenschaftlerInnen sind für viele immer noch gewisse Kuriositäten, die in der Uni von den Klassikern der vergangenen Jahrhunderte schwärmen, in ohnehin schon seltsame Metaphern komplett abstruse Deutungen interpretieren und nach drei bis sieben Jahren Bachelor zwar viel gelesen haben, vom Arbeitsmarkt aber so viel verstehen wie eine Neunjährige. Letzteres ist sicher nicht im ganz falsch (trifft aber auch auf jedes andere Fach zu). Ich habe mein Studium eher begonnen, weil ich einfach bei keinem anderen Fach das Gefühl hatte, dass ich mich mindestens drei Jahre lang intensiv damit beschäftigen wollen würde, nicht um letztendlich meinen Traumjob zu erlangen. Da mir das erstaunte »Und was willst du damit machen?« allerdings schon in den Ohren klingelte, bevor ich überhaupt meine Bewerbungsunterlagen losgeschickt hatte, wich ich immer auf »Journalismus oder Verlagswesen« aus.

Dass für Journalismus vielleicht die Studiengänge Publizistik oder Journalistik und für das Verlagswesen auch Linguistik sinnvoll sein könnten, ließ ich außer Acht. Ich studierte ja vor allem des Faches wegen und versuchte nur, mich nicht als komplett ziellos zu präsentieren.

Das Problem mit vielen Geisteswissenschaften ist, dass man zwar fast alles damit machen kann, aber nichts einfach zu bekommen ist. Umso kreativer der Bereich, desto härter wird um die wenigen Jobs gekämpft. Mach erstmal drei unbezahlte Praktika, um Erfahrung zu sammeln, und dann sehen wir weiter.

Mit diesem Hintergedanken und weil ich generell nicht wusste, wie die Journalismus-Branche aussieht, habe ich alle Hausarbeiten und großen Prüfungen in den Sommer geschoben und Bewerbungen verschickt. Ehe ich mich versah, hatte ich plötzlich meine kompletten Semesterferien mit einem Vollzeitjob verplant und während alle anderen endlich mal wieder in die Heimat reisten und tagelang nichts taten, besuchte ich für nicht mal 48 Stunden meine Familie und saß ansonsten in Berlin fest. Ein Freund hatte mich schon gewarnt, dass der erste Vollzeit-Job hart sein würde, mir machten die Telefone Angst, die ich bei meinem Vorstellungsgespräch auf den Tischen erblickt hatte und generell war ich mir nicht ganz so sicher, wie das mit mir und dem Arbeitsalltag aussehen würde. Klingt irgendwie gleichzeitig traurig und kurios, aber zuvor hatte ich so job-mäßig, abgesehen von Tagesevents, eigentlich nur mal in einer Oper mitgesungen.

Die Rettung präsentierte sich in Form eines zweiten Praktikanten, der schon einen Tag vor mir angefangen hatte, telefonieren konnte und tatsächlich gern Sponsoren recherchierte. Währenddessen arbeitete ich an einem WhatsApp-Projekt und wertete die aus Emojis bestehenden Bundestagswahlprognosen von Schülern aus Nordrhein-Westfalen aus. Ja, sowas macht man im Bereich »irgendwas mit Medien«. Wir haben uns also ganz gut ergänzt und wenn sich mal wieder irgendeine Inkompetenz bemerkbar machte, konnte ich immer erstmal einen Gleichgesinnten fragen. Nebenbei haben wir uns gegenseitig Interview-Partner vermittelt und nur manchmal um Aufgaben gerangelt, weil es erstaunlich schwer ist, sich 40 Stunden die Woche sinnvoll zu beschäftigen.

Es ist schon seltsam, wenn man plötzlich den ersten eigenen Artikel in der Zeitung vor sich hat (abgesehen von diesem Rettet-die-Orang-Utans-und-den-Regenwald-Text, den ich mal in der vierten Klasse geschrieben habe). Es ist seltsam, mit mehr oder weniger bekannten Feuilletonisten von großen Zeitungen bei einer Pressekonferenz in einer Jugendhaftanstalt zu sitzen. Es ist seltsam, mit der Kamera bewaffnet durch ein Gruppenseminar zu schleichen, um möglichst authentische Bilder abzugreifen.

Aber ich mag es, all die erstaunlichen Dinge, die man sonst nur bei Facebook verlinkt sieht, selbst aufzustöbern. Ich mag es, an einem Tag fünf verschiedene Eissorten zu probieren, in ein queeres Jugendhaus zu gehen, mit Schauspielern aus einem Jugendgefängnis zu reden, neue Flohmärkte oder Urban Gardening-Spots zu entdecken und fremde Leute zu interviewen, die auf der anderen Seite der Welt einen Freiwilligendienst geleistet haben. Durch die Welt laufen, mitschreiben, ein Foto machen und später was draus basteln – das ist ein Job? Finde ich eigentlich gut.

Tja, das ist es also, was mich beschäftigt, wenn ich nicht gerade gedankenverlorene Blog-Posts verfasse. Falls sich jemand gefragt hat, ob mein Leben manchmal auch weniger metaphorisch aufgeladen ist. Ich schnüffele mich durch die Medienbranche, teste manchmal Schoko-Pizza und habe sogar mal zwischendurch für Aldi-Süd gemodelt. Es gibt ja treffenderweise so viele Filialen davon in Berlin. Ist auch ein Alternative, wenn das mit dem Schreiben nicht klappt.










Mittwoch, 22. März 2017

self-conscious


Sie blättert in der uralten Ausgabe von »To Kill a Mockingbird«, die ich in der Bibliothek gefunden habe. »… und er war selbstbewusst« übersetzt sie, während ich ihr über die Schulter schaue.
»Im Englischen hat das eine andere Bedeutung«, sage ich und deute auf das Wort self-conscious. »Du bist selbstbewusst, aber eher in einem negativen Sinne. Befangen, verlegen, irgendwie unsicher.«


Ich finde beides nicht ganz richtig. Selbstbewusstsein hat eigentlich nicht zwingend etwas mit der deutschen Souveränität zu tun und es führt auch nicht immer zu den englischen Hemmungen. Sich seiner selbst bewusst sein. Sich selbst wahrnehmen.


Heute Morgen bin ich mit schnellem Schritt zur Bahn gelaufen, habe mich in den Schaufensterscheiben gespiegelt und nichts daran auszusetzen gehabt. Heute Morgen habe ich an der zweiten Station den anderen Praktikanten getroffen, ein bisschen geplaudert, später meine Artikel zu Ende geschrieben und in der Sonne am Wasser gesessen.
Heute Abend fühle ich mich unwohl in meinem Körper. Ich bin schweigsam und sitze allein auf meinem Bett, ohne etwas zu tun, müde, kraftlos, aber noch nicht bereit, zu schlafen.

Ich kann mich nicht beklagen. Eigentlich ist alles in Ordnung. Die Prüfungen sind geschrieben, ich habe ein wundervolles Praktikum und einen Erasmusplatz, über mein Äußeres kann ich nicht meckern, meine Freunde sind für mich da, und ich bin zwar wieder Single, aber nicht unglücklich darüber. Und trotzdem holen mich diese einsamen Stunden immer wieder ein. Plötzlich ist alles wie wieder früher, als hätte ich dieses neue Leben bloß gekostet, um zurückzukehren und es umso mehr zu vermissen.

Selbst wenn Singvögel töten eine Sünde ist, dann ist sie inzwischen zu einer Gewohnheit geworden, die niemand in Frage stellt. Ich sehe die Menschen, die schlauer, beliebter, aktiver sind und am Abend ausgehen, während ich zurückbleibe. Ich sehe die Mädchen auf Instagram, die hübscher und dünner sind als ich und bereue, so viel gegessen zu haben. Ich sehe all diese Erfolge und habe das Gefühl, dass ich nur durch einen glücklichen Zufall so weit gekommen bin und die Leute jetzt Taten und Gedanken von mir erwarten, für die ich noch nicht bereit bin. Als müsste ich lügen, um zu überleben, denn jetzt bin ich so weit gekommen, dass ich nicht mehr aufgeben kann. Aufgeben war noch nie eine Option. Sympathischer sein. Hübscher. Kreativer. Durchbeißen.
Und überall Make-Up, hübsche Kleider, Fitness-Tipps und Ratgeber für ein glücklicheres Leben. Alles, um mir zu zeigen, dass ich unperfekt bin. Dabei kann es doch nicht sein, dass man für Zufriedenheit bezahlen muss, oder?


Und Selbstbewusstsein ist trügerisch. Manchmal schießt man über das Ziel hinaus und findet sich in Situationen, denen man nicht gewachsen ist. Manchmal fühlt man sich grauenvoll und merkt erst im Nachhinein, dass man in einen verzerrten Spiegel gesehen hat und gar nicht so scheußlich ist, wie man dachte. Aber es ist so schwierig, sich selbst objektiv zu betrachten und ich glaube, ich möchte es ohnehin nicht, weil mir die Zweifel fehlen würden. Manchmal muss man sich zerreißen und neu zusammensetzen, um sich wirklich spüren zu können. Mit neuen Augen auf das neue Mosaik aus alten Teilen sehen und sich seiner selbst bewusst sein.