Samstag, 28. Juni 2014

The Lost


We are the dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sunset glow,
Loved, and were loved, and now we lie
In Flanders fields.
»In Flanders Fields«, John Alexander McCrae, 1915


Ich weiß gar nicht genau, wie viel davon heute bei uns ankommt. Man merkt schon, dass auf einmal so viele Kriegsfilme und -dokumentationen im Fernsehen gezeigt werden, dass ein bisschen öfter darüber geredet wird. Vermutlich gab es auch gerade heute einige Artikel in der Zeitung, aber wird einem dabei wirklich bewusst, dass vor genau 100 Jahren, am 28. Juni 1914, der Erste Weltkrieg ausgelöst wurde?


Vor genau 100 Jahren hat Gavrilo Princip den Thronfolger Österreichs, Franz Ferdinand, und seine Frau Sophie erschossen und wollte so eigentlich »nur« einigen serbischen Staaten zur Unabhängigkeit verhelfen. Und was folgte, waren vier Jahre Krieg.
Vier Jahre! Das klingt nach wenig, verglichen mit etwa dem Dreißigjährigen Krieg, aber wenn man so darüber nachdenkt: In vier Jahren will ich mein Abitur haben, studieren, reisen... Vier lange Jahre.


Ich habe vor einer Weile ziemlich ausführlich über all das nachgedacht, weil ein Freund von mir erklärte, er hätte mit Freuden daran teilgenommen, weil es ein »Krieg der Ehre« gewesen wäre. (Wobei man Freund vielleicht in Anführungszeichen setzen sollte, von meiner Seite hat die Beziehung unter anderem deswegen nämlich beträchtlich gelitten.)
Ich war absolut fassungslos und habe mich ziemlich reingesteigert. Erst alles in einer Kurzgeschichte verarbeitet, noch mal den Roman »Im Westen nichts Neues« von Remarque gelesen, der vom Soldaten Paul Bäumer erzählt, mit anderen diskutiert...

Und was mich vor allem interessierte, war das Gedicht »In Flanders Fields« von John McCrae, Mediziner und Schriftsteller, der als Sanitätsoffizier arbeitete. Er verlor in Flandern einen Freund und schrieb gedankenverloren einige Zeilen, die inzwischen zu den bekanntesten englischen Gedichten dieser Zeit gehören. Ich bin durch die Vertonung »We are the Lost« von Robert Prizeman darauf gestoßen, der es mit seinem Knabenchor Libera aufgenommen hat. Ich weiß, das ist eine von meiner Generation eher verschmähte Musikrichtung, aber ich finde es wunderschön und die Melancholie des Videos berührt mich immer wieder. All diese Menschen, die niemals wieder »die Morgendämmerung spüren, den Sonnenuntergang sehen, lieben, geliebt werden, denn nun liegen sie auf Flanderns Feldern...«

Vielleicht erzählt das Gedicht nur von den gefallenen Engländern, aber alle, die damals in den Gräben lagen, waren doch gleich, oder? Sie waren alle Menschen, und ich kann mir kaum vorstellen, dass sie dabei von Ehrgefühl getrieben wurden.


Und jetzt ist es so lange her und trotzdem noch lebendig. Unsere »Chormutti« hat heute geheiratet, und ich habe mich eine Weile lang gefragt, ob sie wohl darüber nachgedacht ist, was heute für ein Datum ist. Aber vielleicht ist heute eben ein Hochzeitstag, ein sommerlicher Samstag im Juni mit einem Konzert im Tempelgarten, für das ich noch meine Moderation üben muss. Da draußen ist so eine wunderbare Welt, und ich bin unendlich dankbar, dass sie sich in diesen 100 Jahren so sehr verändert hat.

Kommentare:

  1. Ich finde es sehr schön, wie du über die Geschehnisse vor 100 Jahren schreibst. Immer wenn ich "We are the Lost" hören, bekomme ich eine Gänsehaut und kann mich sehr in diese Zeit zurück versetzten.
    Deine Kürze in diesem Text, passt gut zu dem Thema, denn wenn man zu viel sagt, kann man dieses zu doll bereden, sodass es nicht mehr etwas ist, an das man Gedenken möchte und hoffen will, dass soetwas nie wieder passieren wird.

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    1. Vielen, vielen Dank, Sophie. :) Wahrscheinlich habe ich einfach schon so viel darüber nachgedacht und geschrieben, dass ich inzwischen in der Lage bin, alles zu bündeln, auch wenn mir immer wieder interessante Details eingefallen sind. Der Mohn auf Flanderns Feldern, die Zahlen der Verluste, die einfach nur Zahlen sind, die Sache mit dem Nationalstolz... Aber das sind wieder andere Geschichten.

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  2. Oh der Krieg ist etwas furchtbares. Ich finde es wundervoll dass du dir darüber Gedanken machst.
    Wenn man mal bedenkt dass einige ehemalige Soldaten des zweiten Weltkrieges noch unter uns leben und wir die letzte Generation sind die sie kennenlernen wird ist das schon schockierend. Vor weniger als 100 Jahren hat hier der 2. WK getobt und jetzt droht der Kalte Krief zwischen der Sowjetunion und der Ukraine erneut auszubrechen und wir können nichts dran ändern...

    Trotz dem traurigen Thema möchte ich mich bei dir für den Kommentar bedanken. Johannisbeeren sind unfassbar fotogen, in unserem Garten warten so viele leckere Beeren darauf, von mir gepflückt zu werden.
    Ich wünsch dir einen schönen Restsonntag,
    Salo.

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    1. Vielleicht sollten wir etwas daran ändern und tun uns so schwer... Und später stehen wir hilflos da und denken, hätten wir doch damals schon.... Es ist alles so schwer.
      Aber ich finde, gerade deswegen sollten wir es ausnutzen, der letzten Generation der Zeitzeugen zu lauschen. Um aus ihren Fehlern zu lernen.

      Wir müssten inzwischen auch langsam mal mit Pflücken anfangen... hach, diese faulen Kinder. :D

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  3. Ich finde Krieg ganz allgemein schlimm, früher gehörte das ja fast irgendwie dazu, so Ländereien erobern und so.
    Aber Krieg ist grausam und das heutzutage noch so viele Kriege toben-wenn auch oft innerhalb eines Landes, wie Irak oder Syrien ist schon traurig.
    Ich möchte keinen Soldaten verurteilen der voller Begeisterung in den Krieg gezogen ist, früher waren viele verblendet, aufgeheizt durch Kriegstreiber etc.
    Aber nach dem was man heute weiß kann ich Begeisterung für Krieg nicht nachvollziehen.Frieden&Demokratie bringen durch Krieg? (siehe USA-Irak etc.) das soll wohl ein Witz sein.
    So, war wieder ein rundum-Schlag:)
    Schönen sonnigen Sonntag
    Silver<3

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    1. "Frieden durch Krieg" - das ist genau das, was ich so absolut bescheuert finde. Was ist das für ein Beispiel? Wie kann man jemanden mit Gewalt und Druck dazu zwingen, friedlich zu sein? So eine Logik - aber da ist wieder das, was ich schon mal erwähnt habe. Macht und Geld durch Rüstung, solange die Finanzen strahlen ist ja alles in Ordnung.

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