Sonntag, 7. Juni 2015

Brandenburgisches Schnüffelensemble in Lüneburg


Seltsam, dass es auf einmal wirklich das letzte Mal war. Noch ein paar Proben, eine Handvoll Sommerkonzerte und meine Chorzeit ist für's Erste vorbei.

Die meisten anderen Freizeitaktivitäten habe ich weniger emotional gehen lassen. Auf dem Reiterhof in der Nähe habe ich mich anderthalb Jahre lang sowieso nicht sehr wohlgefühlt, und schwimmen gehe ich jetzt auch schon länger als mein halbes Leben, jeden Dienstag von 16 bis 17 Uhr. Das reicht eigentlich auch.

Aber Chor war immer wieder fabelhaft. Mal lässt es nach mit der Euphorie, mal bin ich begeistert, dass wir ab und zu doch noch etwas Sechsstimmiges zusammenschustern, ohne dass die Tenöre kläglich verrecken. Nicht unbedingt die guten alten Zeiten, aber die Neuen haben auch ihren Charme. Vor allem die Reisen.
Ich war mit dem Chor in den USA (Michigan und NYC), Frankfurt am Main (wegen eines Chorfestivals), Finnland, Ungarn und Tschechien, und vor ein paar Tagen noch in Lüneburg und den Niederlanden.

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich in Lüneburg keine Fotos gemacht habe, obwohl es sich gelohnt hätte. Die Altstadt ist wunderhübsch und man kommt einfach nicht raus – es ist überall schön.
Wir erreichten die Stadt bei leichtem Nieselregen und lauschten gleich einigen Ensembles beim Begegnungskonzert I. In Lüneburg wurde dieses Jahr die Bundesbegegnung »Schulen musizieren« ausgetragen, und wir wurden dazu nominiert, Brandenburg zu vertreten. Es geht dabei nicht unbedingt um die Qualität, sondern um die Vielfalt, wir hatten also vor allem Glück, dass wir als gemischter Jugendchor ins Programm passten.

Begrüßt wurden wir von einer niedersächsischen Rock- und Jazzcombo, »Fungafop Blue«, dessen Sänger uns ziemlich mit seiner Whiskey-Stimme überrumpelte. Und wir hatten uns noch darüber lustig gemacht, dass er sich für was gaaaanz Besonderes hält ...
Danach folgte die Berliner Trommelgruppe »Bateria Brincadeira«, die wir im Verlaufe des Festivals immer mal wieder trafen; wer weiß, warum wir immer in deren Auftritte reinplatzten.

Viel mehr als in den Gastfamilien einkehren war dann nicht mehr vorgesehen und ich war damit verdammt glücklich. Ich war bisher noch nie in einer deutschen Gastfamilie gewesen – amerikanisch, italienisch, finnisch und ungarisch, aber nie deutsch – und es war unglaublich entspannt, im gewohnten Tempo in seiner Muttersprache zu plappern (bei meiner ungarische Gastschwester gab es da Verständigungsprobleme, aber Englisch sah auch mau aus) und sich nicht an ausländische Standards zu gewöhnen (wieder Ungarn + the American way of life). Ich war verwundert, dass ich bei so viel Eifer und Freundlichkeit nicht glatt fünf Kilo zugenommen habe.

Am Freitag verbrachten wir die meiste Zeit damit, Konzerte zu geben und uns zwischendurch die Füße wund zu rennen. Die vielen Umwege haben Google Maps und mich ziemlich zusammengeschweißt, wir sind jetzt beste Freunde. Am schönsten war es wider Erwarten in der Seniorenresidenz, unser drittes und letztes Konzert. Wir waren schon ziemlich ausgelaugt, als sich ein älterer Herr erhob und meinte, er müsse etwas sagen, wir selbst würden das ja gar nicht sehen.
Oh-oh. Ausstrahlung. Unser größter Kritikpunkt – Jugendchor ist nicht gleich frisch und dynamisch, ich fürchte, wir sehen selbst bei Gospels zum Mitschnippsen aus wie Stockfische.
Aber nein, er sprach genau vom Gegenteil: die Freude in unseren Gesichter, wie schön er es fände, dass wir das freiwillig machen. Und das einfach so, mitten im Konzert. Wir waren wirklich gerührt.

Und das waren wir übrigens auch einige Stunden zuvor, als wir dem Sehbehinderten- und Blindenchor der coolen Diesterwegschule aus Hessen lauschen durften. Natürlich ist das nicht Crème de la Crème-Acapella, aber es ist unglaublich herzerweichend, wenn diese Kinder davon singen, wie sie mit ihren Blindenstock einen Haufen Probleme weniger haben und dass sie mit dem Herzen laue Sommerabende, ein Lächeln und Liebe sehen können. Und ich habe selten ein so schönes Pirates of the Caribbean-Cover gehört wie die Klavierversion eines blinden Jungen.

Abends waren wir noch beim Begegnungskonzert II, aber ich konnte mich nur noch kurz für die bayrische Schulband aufraffen (»Heidi, Heidi!« und zwar nicht die klassische Version), den Rest der Zeit habe ich lieber meine Füße geschont.

Den Samstagmorgen verbrachten wir mit Workshops. Ich ließ meinen eher gespickt mit spitzen Kommentaren über mich ergehen, nachdem ich festgestellt hatte, dass ich bei einer männlichen Rampensau gelandet war, dessen Witze und umgangssprachlichen Slang man nach zehn Minuten nachäffen konnte (nicht, dass ich was gegen Umgangssprache hätte, aber zwanzig Mal »scheißfreundlich« in 90 Minuten war zu viel). Dass er dabei über klassischen Gesang herziehen wollte und so gar keine Ahnung hatte – ja, auch Chorsänger atmen in den Bauch, und um Gottes willen nicht durch die Nase! Wie stellt er sich das vor, ein Schnüffelensemble? – hat es nicht besser gemacht, dass die Singübungen irgendwie unangenehm klangen, wenn man auf dem Vokal e rumschnarrt ... Danke. Immerhin habe ich gelernt, was ich nicht mag.

Der Rest des Tages war dafür recht erfreulich. Nach einem kurzen Abstecher ins Café mit Ulli, Juli und Lotti bin ich mit Letzterer zu einem weiteren Konzert losgezogen: Schleswig-Holstein, eine Bigband und der Chor »Rocker des Moorbek« aus einer Förderschule. Die Kombi war mindestens so herzzerreißend wie der Blindenchor und ich habe mich für einen Moment gefragt, ob die Sänger und Sängerinnen uns nicht Einiges voraushaben. Sie hatten Spaß, ihnen war ziemlich egal, wie sie dabei aussahen, und als ein Junge, der nicht mitsingen konnte, Lust hatte, sich während der Vorstellung auf dem Boden rumzurollen, hat er das auch getan. Warum eigentlich nicht? Menschen achten oft viel zu sehr auf den äußeren Schein.

Begegnungskonzert III in der St. Johannis betraf schließlich auch uns. Die Kirche war verdammt riesig und es ist schwer, zu brillieren, wenn man nach den süßen Kids aus der Cello- und Flötenklasse, einem Dresdener Kinderchor und einem Hamburger Orchester sowie vor einem der besten Mädchenchöre Estlands, »Kurekell«, an der Reihe ist.
Aber eigentlich war es einfach nur schön.

Für den Sonntag waren wir noch für einen Gottesdienst eingeteilt, bei dem wir Zeugen zweier Taufen und spontan Zielobjekt der Kollekte wurden. Das vierte Begegnungskonzert, das wir ursprünglich hatten auslassen wollen, um nicht zu spät unsere Weiterreise anzutreten, sahen wir uns doch noch an, wenigstens zum Teil. Eigentlich hätte es zeitlich noch gepasst. Wären da nicht die Reden gewesen.
Solche Leute liebe ich ja. Die sprechen sich nicht ab, bedanken sich alle bei den gleichen Leuten und es schert sie keinen Pfifferling, dass sich hinter ihnen die ganze Zeit ein Kinderchor die Beine in den Bauch steht – die sind ja noch jung, ne, das halten die aus.
Wir mussten also doch schon früher aufbrechen, verpassten leider das Mittelalterensemble aus Thüringen, auf das ich mich ziemlich gefreut hatte und schwänzten mit den Hamburgern die Urkundenverleihung.

Was soll's? Es gibt eigentlich wirklich Wichtigeres als Urkunden.
Die schillernde Vision der Veranstalter à la bundesweite musikalische Freundschaften habe ich wohl nicht erfüllt, aber ich mochte es, mich durch die Lüneburger Innenstadt zu schlängeln, der Musik spontan in einen Innenhof zu folgen und für ein paar Minuten einem Bläserensemble zuzuhören. Ich mochte es, dem bunten Mix aus Orchestern, Bands und Chören zu lauschen, Leuten mit unseren Liedern ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern und abends mit meiner Gastfamilie selbstgeräuchertes Gemüse und Popcorn (nicht geräuchert!) zu futtern. Ich mochte es, ein Teil dieses Spektakels zu sein, mit allen zusammen im großen Zelt Abendbrot zu essen, dabei der Percussion-Tisch-Impro der Berliner zu lauschen und mit den Fingern mitzutrommeln.

Dafür hat es sich gelohnt.
Bei wem sich die Leute in ihren ellenlangen Reden am Sonntag bedankt haben, weiß ich sowieso nicht mehr und ich glaube, viel mehr Lobpreisung für die Organisation ist nicht mehr nötig.
Deswegen bedanke ich mich lieber bei den Musikern, die aus ganz Deutschland gekommen sind, um aus den sachlich-nüchternen Plänen etwas Lebendiges zu machen, für die schönen Klänge und die wunderbare Atmosphäre. Mit euch war es fantastisch.

Kommentare:

  1. Es ist immer so spannend wenn ich von deinen Chorreisen lese, ich kriege das ja nun nicht wirklich immer so mit, da ja keine Freunde in den Chor gehen, aber wenn man das so liest ist es immer als würde man kurz in eine andere Welt eintauchen! Irgendwie komisch, dass es das letzte Mal war oder? Wenn ich etwas so lange mit so einer Leidenschaft betreiben würde, wäre ich doch ziemlich traurig. Neidisch war ich übrigens schon immer auf eure coolen Fahrten!

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    1. Danke für das Kompliment an meinen Schreibstil! :D
      Am schlimmsten wird es wahrscheinlich, wenn meine kleine Schwester nächstes Jahr erzählt, wie es gewesen sein wird (tolle Zeitform ^^) und ich dann in meiner kleinen Studentenbude sitze und nicht mehr zu sehen bekomme als Lindow und Berlin. Es war einfach immer so entspannt, auf so eine Art und Weise zu reisen ... ich bin echt froh, dass ich so lange wie möglich dabei war.

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  2. Das klingt aber nach einer schönen Reise. Ich bin wirklich komplett unmusikalisch und verstehe überhaupt nichts davon, aber du scheinst ja einige neue Erfahrungen gemacht zu haben und das freut mich für dich!
    Alles Liebe, Salo

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    1. Danke - das war es auch. :)
      Ich war auch nicht besonders musikalisch, das kam so in den fünf Jahren. Davor hätte ich auch keine Ahnung gehabt, wie man Renaissance zu singen hat oder halbwegs zuverlässig in die Höhe kommt.

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  3. Ich singe auch in einem Chor, macht echt Spaß :)
    Und mir gefällt dein Schreibstil sehr gut, mach weiter so!
    Alles Liebe. ♥
    one-day-we-will-laugh-about-that.blogspot.de

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    1. Ich versteh gar nicht, warum manche das so verpönen - die sollen Singen mal ausprobieren.
      Dankeschön! :)

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  4. Was habt ihr nur für einen unglaublichen Chor, dass ihr mit ihm in alle Welt reist? Das weiteste, das ich mit meinem kleinen Schulchor gekommen bin, war die nächste größere Stadt :D

    Schnüffelensemble, so einer ist mir wirklich noch nicht untergekommen. Aber ich war auch noch nie in einem Workshop...

    Klingt alles ziemlich cool, da würde ich wahrscheinlich auch nachtrauern :-) ich finde ja schon das einfache singen und die ziemlich naheliegenden Chorfreizeiten schön, so etwas würde bei mir schon eine ziemliche Leere hinterlassen.

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    1. Mit Lüneburg hatten wir wirklich Glück und sonst - ich glaube, man muss sich vor allem bemühen, andere Leute zum Austausch zu finden, die Orchester und Chöre, zu denen wir gereist sind und die bei uns waren, waren auch nicht immer die Sternchen ihres Landes. Wie mit den Stipendien: man muss nicht unbedingt sein Potential via 1,0-Durchschnitt zeigen, das geht auch mit Engagement.
      Und man sollte auch einen netten Förderverein finden ...

      Also, den Typen kann ich dir zumindest wärmstens entpfehlen!

      Singen ist fabelhaft. Das Instrument, das man immer und überall dabei hat und ich bin froh, dass es einem auf so eine Art und Weise die Türen in die Welt öffnen kann.

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