Mittwoch, 15. Juli 2015

Im Orkan

Wenn der Orkan kommt, renne ich weiter. Mitten hindurch.

Manchmal reicht die Zeit nicht, weil das Leben von allen Seiten auf mich zustürzt. Ich bin optimistisch und meistens erweist sich das auch als richtig; wir machen uns oft viel mehr Sorgen als nötig ist und erkennen erst im Nachhinein, dass alles so viel einfacher ist als gedacht.

Aber nicht immer. Manchmal ist es zu viel und ich warte nur noch auf den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt und die Staudämme einreißt. Das sind diese Zeiten, in denen ich wegen der lächerlichsten Dinge in Tränen ausbreche, gleichzeitig auf mich selbst wütend bin und trotzdem nicht aufhören kann. Wenn ich eigentlich gute Miene zu lieb gemeintem Spiel machen wollte und mich nicht zusammenreißen kann, weil es schon so lange an mir zehrt.

Ich hatte nicht erwartet, dass vier, fünf Tage reichen würden, um mich dermaßen auszulaugen. Ich dachte, ich schaffe das, habe mir kaum darüber Gedanken gemacht. Immer nur ein bisschen gemeckert über fünfundzwanzig Stunden Busfahrt, zu viele Konzerte, diese Leute von der Oper, die dauernd unsere Stimmen zusammenstreichen und variieren, aber trotzdem erwarten, dass wir alles auswendig können – nur wie? Wie können wir so sicher sein wie die Solisten, die tagein, tagaus proben und ihre Überlegenheit zu gern zur Schau stellen? Wie soll das alles funktionieren, während ich erbärmlich huste, pro Stunde zwei Taschentücher verbrauche und trotzdem immer weiter hetze?


Wenn der Orkan kommt, bleibe ich stehen. Mittendrin.

Spüre den Wind, lasse ihn an meinen Kleidern zerren, die Haare zerzausen und wanke im Takt der Böen. Taste in meinem Inneren nach Kraftreserven und denke an die Geschichte vom König und seinem Ring: auch das geht vorüber. Irgendwie schaffe ich das. Die Sonne scheint schon wieder, mein Hals kratzt nur noch selten, während meine Gedanken in den Highlands schweben und die Tin Whistle in meinen Ohren nachhallt.

Morgen sind wir schon auf dem Melt. Ein nicht ganz so großes Festival mit Interpreten wie AnnenMayKantereit, Alle Farben, Alt-J, Years & Years, London Grammar ... Und ich glaube, ich habe keine Lust, dort schlapp zu machen. Orkanböen gehen vorüber und wenn der Wind auffrischt, dann tanze ich weiter.

Kommentare:

  1. Liebe Mara,
    wohl wahr, manchmal ist es anstrengend, so pessimistisch zu sein und doch immer wieder positiv überrascht zu werden.
    Das hört sich im Moment wirklich nach 'viel' an, doch ich bin mir sicher, dass du das bewältigst, wie du bisher jedes Hindernis überwunden hast. Wer im Orkan stehen bleiben kann, schafft das ganz bestimmt.
    Und oh, oh, ich will auch zum Melt!
    Wie komme ich denn jetzt so schnell dahin? Tove Lo soll auch kommen...ich weiß, ich packe meine Krähenflügel aus und los..bis dann und ganz viel Vergnügen dort, wird sicher wundertoll!
    Silver^^

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    1. "Es ist anstrengend, pessimistisch zu sein" - das sollte ich mir einfach so merken, wenn ich mal wieder schlechte Laune habe. Mara! Silver sagt, das strengt an! Lächel gefälligst!
      Was auch wirklich stimmt. Aber immer fröhlich zu sein is' ja irgendwie auch nicht drin.
      Die Brise frischt immer mal wieder aus, aber im Moment geht es und ich bin fest entschlossen, mal wieder los zu ziehen und Fotos zu machen, wird Zeit.
      Es war soooo toll! Tove Lo habe ich leider nicht gehört und Years & Years haben wir blöderweise nur ganz kurz gesehen, aber da waren so tolle Leute ... Ich liebe, liebe, liebe AnnenMayKantereit und Aurora war fantastisch!

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  2. Hey Mara,
    lange nicht mehr bei dir gewesen und ich muss sagen, wunderschön geschrieben. :-)

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    1. Vielen Dank, Sandra - ich muss auch mal wieder vorbeischauen!

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  3. Ich kann dich im Moment nur zu gut verstehen – leider. Wenn man doch eigentlich gedacht hätte, dass man es locker packt. Dass es zwar anstrengend wird, aber nicht mehr oder weniger als andere Dinge, die man schon überlebt hat. Und dann liegt man abends um 10 im Bett, gerade erst nach Hause gekommen und weiß ganz genau, dass man nur noch wenige Stunden hat, bis man wieder aufstehen muss und alles von vorne beginnt. Keine Zeit sich auszuruhen, keine Zeit, um über andere Dinge nachzudenken.
    Aber glaub mir, du schaffst das. Irgendwie kommt man dort durch, sammelt seine letzten Kräfte zusammen und denkt sich, dass es irgendwann ein Ende hat, dass man bald wieder mehr Zeit zum erholen hat. Wenn man etwas wirklich will, dann packt man es auch!

    Ich wünsche dir viel Spaß auf dem Festival, das hört sich wirklich gut an! Grüß London Grammar von mir ;)

    . xo xo und die allerbesten Wünschen Caroline, die im Moment völlig überarbeitet ist und es trotzdem liebt!

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    1. Ich kann mir ziemlich gut vorstellen, dass es dir im Moment oft so geht beim Arbeiten, dass einfach nichts mehr geht - aber du hast recht, es wird besser, auch wenn man es sich in diesem Moment immer kaum vorstellen kann oder will. Irgendwann kommt man doch raus aus diesem Loch. Bei mir pegelt es sich nach ein paar schrecklich-schönen Tagen langsam ein und langsam machen mir auch die vielen Proben für die Oper Spaß. Auch wenn ich meine Schuhe nach wie vor verdammt deprimierend finde (ganz zu schweigen vom Kostüm, dass ich glücklichweise bis jetzt nur bei der Anprobe tragen musste) - es ist eigentlich schön, so viel zu tun zu haben, so viel zu lernen.
      Was ich dir auch wünsche, du Workaholicerin auf der anderen Seite der Welt!

      Es war wuuunderbar - bei London Grammar standen wir einfach weiter hinten, wo es nicht so eng war und sind ein bisschen mitgewippt. So ein paar entspannte Interpreten zwischendurch sind echt fabelhaft.

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  4. Die Situation, wegen nichts in Tränen auszubrechen kenne ich gut. Ich bin oft so ein Mensch, der sich total in etwas reinsteigert und dann in dieser Atmung beschließt, etwas zu unternehmen, was am nächsten Morgen aber unlogisch und über trieben erscheint. Aber manchmal sind wir auch nur Menschen, und manchmal muss etwas, dass sich aufgestaut hat und einfach raus, obwohl man sich vorgenommen hat, es zu verkneifen.
    Naja, passt jetzt vlt auch nicht ganz zum Thema. hoffentlich hältst du durch, manchmal findet man ja tatsächlich noch verborgene Kraftreserven in sich selbst. Das mit dem Stimmenwechsel finde ich auch immer dumm, da hat man eine gelernt und soll plötzlich kurzfristig eine andere singen. Ich bin manchmal Sopran 1 und manchmal Sopran 2 und fühle mich deshalb in beiden Stimmen oft unsicher.
    Die Bilder sind toll, und echt schön geschrieben!
    Ganz lieber Gruß,
    Cho

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    1. Doch, das passt! Genau so ist es doch - und das erinnert mich gerade ganz doll an "Lua" von Bright Eyes: "But what was normal in the evening by the morning seems insane." Irgendwie funktioniert es oft nicht ganz so wie man es sich ausgemalt hat.
      Inzwischen geht es langsam wieder aufwärts, ich genieße gerade meinen freien Tag, plane ein bisschen meinen Geburtstag (das heißt: ich frage an, wer Zeit hat) und ich bin ganz zuversichtlich, dass unsere erste Kostümprobe morgen einigermaßen akzeptabel wird.
      Dann weißt du ja ziemlich genau, wie doof das ist - ich hoffe, das pendelt sich irgendwann ein mit den Stimmen bei dir.
      Und vielen, vielen lieben Dank für deine Gedanken! <3

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