Dienstag, 4. August 2015

Für die glücklichen Stunden


Ich mag: Freunde.


Das muss ich niemandem erst erzählen. Freunde braucht man. Unbedingt. Die Familie, die man sich selbst aussucht, aus der Masse rauspickt, um gemeinsam zu lachen.

Bei mir war das immer so eine Sache. Ich will nicht behaupten, ich sei immer so »anders« gewesen, das arme Lieschen, das nicht verstanden wurde; aber ich habe mich schwer getan mit Freundschaften, beziehungsweise: habe es mir selbst schwer gemacht. Das erste Halbjahr in der vierten Klasse hat mir die Metapher mit dem fünften Rad am Wagen verdeutlicht, in der sechsten habe ich erste Erfahrungen damit gemacht, dass drei manchmal einer zu viel sind und am Gymnasium habe ich auch eine ganze Weile gebraucht, ehe ich mich irgendwie so richtig integrieren konnte, zu Geburtstagen eingeladen wurde, mich denen angenähert habe, die ich nicht schon aus der Grundschule kannte.
Ich war natürlich nicht mutterseelenallein, aber so ganz dazugehört habe ich anfangs auch nicht. Weil ich mich selbst nie getraut habe, auf andere zu zu gehen, mich lieber in meiner Bücherwelt verkriechen wollte.

Ich erinnere mich noch daran, dass irgendwann – ich war vielleicht elf – ein offenes Notizbuch vor mir lag und ich die erste Seite betrachtet habe.
Name: ...
Geburtstag: ...
Meine Freunde: ...
Und dass mein Name da stand, war für mich zu dem Zeitpunkt nicht selbstverständlich, sondern eine Erleichterung. Traurigerweise.

Und ich finde, es ist manchmal immer noch kompliziert. Man kann auch auf Freundschaft verdammt eifersüchtig sein, sich entfernen, einander näher kommen, ganz plötzlich realisieren, dass man gerade dabei ist, über eine Person herzuziehen, die einem vor gar nicht so langer Zeit viel bedeutet hat, es vielleicht immer noch tut. Freundschaft kann beständig sein und auf der anderen Seite plötzlich auseinander brechen.
Weil wir uns verändern. Dinge tun, die in den Augen anderer falsch sind. Weil wir uns verletzen, manchmal mit voller Absicht, aber oft auch, ohne es überhaupt zu merken, mit einem Lächeln im Gesicht.

In den Liedern singen sie immer von Liebeskummer. Aber Freundschaft kann manchmal genau so wehtun.


Aber vielleicht ist das der Preis, den man zahlen muss. Den ich eigentlich sogar gern zahle für einen Sommernachmittag am See mit Gelächter, selbstgebackenen Muffins und verrückten Schnappschüssen.
Für das Gefühl von Zusammenhalt, zu wissen, dass jemand hinter dir steht.
Für die unbezahlbaren Erinnerungen, die vielen glücklichen Stunden, die eindeutig überwiegen und alles wettmachen.


Ich liebe es, wenn wir so viel rumalbern, dass mir die Tränen kommen, und das passiert in letzter Zeit oft. Egal, wie sehr ich mir wünsche, endlich weg zu ziehen, neu anzufangen, diese vielen zauberhaften Momente werde ich vermissen. Vielleicht habe ich mir auch deswegen gerade ein Festival-Ticket für September gekauft habe – wer weiß schon, was im September sein wird? Ob ich mir dann nicht gerade sehnlichst wünsche, die bekannten Gesichter endlich mal wieder zu sehen? Die alte Geborgenheit vermisse, die inzwischen irgendwie doch beinahe selbstverständlich ist?

Ich liebe es, diese typischen kleinen Merkmale auszukundschaften, die einem nach Monaten und Jahren immer deutlicher auffallen und einen zum Schmunzeln bringen:
Lotti umarmt andere Leute am liebsten um den Bauch, als wäre sie selbst ganz klein.
Juli weiß jedes Mal, mit welchem Bus ich fahre, ehe ich es selbst nachschaue und geht an den heißesten Sommertagen selten ohne Strumpfhose aus dem Haus.
Hannes' Socken passen fast immer zu seinem Hemd; blau mit weißen Punkten zu blau mit weißen Punkten.

Ich liebe es, gemeinsam in vergangenen Tagen zu kramen: Weißt du noch, als wir in Finnland in dieser Hightech-Schule waren ... ? Das Seeed-Konzert? Die Kanu-Tour mit dem Dampfer-Malheur? Gemeinsam erinnern macht so viel mehr Spaß.

Ich liebe es, dass wir jeden Sommer von Neuem über Julis und Hannes' milchweiße Sonnenbräune witzeln.

Ich liebe die vielen Gründe, denen das Label »Fabelhafte Freunde« seinen Namen verdankt, denn genau das sind sie, trotz allem: fabelhaft, wunderbar, unersetzlich.


Aktuelle Fotos habe ich gerade leider nur von diesem Nachmittag während unserer Probenphase für die Oper (von der ich bald berichten werde; bis jetzt gibt es immerhin unsere reizende Kostümierung zu sehen). Eigentlich gehören in diesen Post noch ein paar mehr fantastische Menschen!


Bei euch kann ich ich sein, verträumt und verrückt sein – danke, ihr Lieblingsmenschen.


Kommentare:

  1. Das ist ja wirklich ein schöner und nachdenklicher Post. Ich habe mich früher auch sehr schwer getan, wirklich dazuzugehören und habe auch jetzt noch immer Angst ausgeschlossen zu werden, habe aber zum Glück die richtigen Menschen gefunden, die mich unterstützen.
    Und du scheinst das jetzt ja auch :)
    Alles Liebe, Salo

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    1. Dankeschön!
      Ich fürchte, damit haben irgendwie leider viel zu viele Leute Probleme ... gerade mit denen, die davor nie Angst hatten und es nicht so wirklich verstehen. Aber ich freue mich, dass du so wunderbare Freunde gefunden hast! :)

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  2. Ein schöner Post und tolle Bilder! :) Und ich glaube nicht, dass es genauso schlimm ist, wenn eine Freundschaft zerbricht, wie seine Liebe zu verlieren.. Ich denke es ist schlimmer.. die Liebe kommt (leider) und geht auch wieder.. oft, manchmal sogar mehrmals im Jahr.. doch Freunde hat man eig. sehr lange, zumindest die, die richtige, wahre Freunde sind und wenn man die verliert.. es gibt nichts schlimmeres.. :/
    Eine schöne Restwoche wünsch ich Dir!

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    1. Vielen lieben Dank. :)
      Ich kann - glücklicherweise - in beiden Fällen nicht mit viel Erfahrung auftrumpfen, aber ich kann mir vorstellen, dass es einen langwierig doch tiefer trifft, Freunde zu verlieren, die man wirklich verdammt lieb hatte und mit denen man so viele Erinnerungen teilt. Vor allem, wenn man selbst nicht dazu bereit war und es so plötzlich passiert.

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  3. Ich finde in letzter Zeit nie Zeit Blogs zu kommentieren obwohl ich oft Gedanken zu Posts habe aber ach irgendwie so hektisch alles! Du hast das einfach alles wieder so wunderbar beschrieben .. Grundschule war Freunde technisch der Horror irgendwie, da die "beste" Freundin die dann aber doch ne andere hatte und einen aufeinmal nicht mehr leiden konnte und bemerkt dass 3er Gespanne fast selten gut gehen habe ich auch sehr früh erfahren müssen, leider. Ich habe irgendwie immer große Angst irgendwie ausgeschlossen zu werden und habe besonders früher richtig oft mich verletzt gefühlt wenn andere Freunde sich ohne mich verabredet haben, das gab dann auch öfter mal Stress, heute hat sich das gelegt ein Glück und habe bemerkt dass Freunde halt auch andere Freunde haben. Vorallem jetzt in dieser letzten Zeit habe ich bemerkt wie stark und schwach doch manche Freundschaften sind und wie man sich doch manchmal täuschen kann in manchen Leuten wo man eigentlich dachte, dass man eine gute Freundin hätte. Richtig gute Freunde im Leben hat man nicht viele und auf die sollte man wirklich aufpassen, meine Gedanken drehen sich in letzter Zeit nur darum, ich könnte noch so viel mehr aufschreiben aber belassen wir es dabei. :D

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    1. Habe ich in letzter Zeit auch selten, ich beschäftige mich im Moment wohl einfach zu gut ... und bin regelmäßig um halb zehn todmüde. Also jetzt. :D
      Och nee, bei dir war das auch so? Ich finde mich gerade ziemlich in deinen Worten wieder mit der besten Freundin, die neue Freunde findet und dieser Enttäuschung Eifersucht, wenn man mal nicht eingeladen wurde. Das ist echt hart, bis man sich damit abfindet und es irgendwo auch versteht. Man hat ja selbst auch nicht immer Bock auf jeden Einzelnen, so ist es vielleicht auch besser, als wenn man immer aufeinander hockt.
      "Richtig gute Freunde im Leben hat man nicht viele und auf die sollte man wirklich aufpassen" - genau!
      Und ich freue mich immer wahnsinnig über lange Kommentare! Auch, wenn ich sie viel zu spät beantworte.

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  4. Was für ein wunderbar lieber Post!
    Deine Freunde sind aber auch knuddelig.
    Natürlich tut es weh wenn man eine Freundschaft, einen Freund, verliert oder wenn der eine neue beste Freundschaft hat.
    Sind vermutlich ähnliche Mechanismen wie in einer Beziehung, Nähe, Vertrautheit, Offenheit...wenn man das verraten sieht oder verliert, tut es natürlich weh.
    Ich finde, nur weil man vorerst getrennte Wege geht, muss das nicht das Ende bedeuten.
    Man findet sich wieder oder bleibt einfach in Kontakt weil man es will.
    Freundschaften sind mir immer ein Rätsel, zum Teil liegt es an mir, zum Teil an anderen. Dazu gehöre ich aber wirklich nirgens, ich armes Lieschen^^
    Genieße die Zeit einfach, ihr werdet sicher für ganz ganz lange Freunde sein:)
    Deine Silver^^


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    1. Danke - und ja, oder? Und du hast noch gar nicht das Bild gesehen, auf dem Lotti und Juli kuscheln und Hannes pikiert zur Seite schielt, als würden sie ihn gerade damit belästigen. :D
      Ich weiß gerade gar nicht mehr, was ich dazu schreiben soll, weil du es schon so wunderbar ausgedrückt hast, vor allem "Ich finde, nur weil man vorerst getrennte Wege geht, muss das nicht das Ende bedeuten." Das kann ich ja gerade wörtlich nehmen. Es ziehen zwar viele nach Berlin, aber auch eine Freundin nach Rostock und eine andere erst mal für ein Jahr nach London. Und ich hoffe, dass dadurch nichts zerbricht.
      Oh ja, mir sind sie auch ein Rätsel. Immer noch. Und es ist irgendwie doch schon meistens ein ziemlich tolles Rätsel!
      Danke! Nochmal!

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  5. Antworten
    1. Das habe ich mal weitergeleitet - sie hat sich gefreut. :)

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  6. Was für ein schöner Post! Wunderbare Bilder und auch noch ein toller toller Text! Deine Freunde dürfen sich wohl wirklich glücklich schätzen dich zu haben. Es ist schön, wenn einem die Wichtigkeit von Freundschaft bewusst ist und leider ist das ja nicht bei jedem der Fall. Erst gestern hatte ich eine Begegnung mit einem Mädchen, wir waren einmal sehr enge Freunde. Es tut immer wieder weh, wenn man sich sieht und merkt, dass man sich wirklich gar nichts mehr zu sagen hat und die Freundschaft komplett vorbei ist. Dabei war man doch einmal so vertraut. Allerdings denke ich dann wieder daran, dass es eben nur wahre Freundschaft ist, wenn es hält. Ich habe einige Freunde zu denen ich keinen regelmäßigen Kontakt habe, aber wenn man sich dann sieht, dann ist es als wären wir nie getrennt gewesen. Solche Freunde finde ich genauso wichtig, wie diese, mit denen ich meine Tage verbringe und die trotzdem bleiben.
    Es ist außerdem schön einfach zurück zu blicken auf die Zeit, die man mit jemandem verbracht hat, egal wie man später zueinander steht. Es ist ja schließlich auch interessant, wie sich Menschen so verändern und auch ein guter Zeitpunkt um sich einmal selbst zu reflektieren.
    Entfernung ist jedenfalls kein Grund nicht mehr miteinander in Kontakt zu bleiben. Eine sehr wichtige Freundin von mir ist auch weggezogen nach dem Abi. Wie wunderbar es doch auf einmal ist, wenn man sowohl eine neue Stadt kennenlernt und auch seine Liebsten wieder sieht! :)
    Einfach großes Lob an deinen Beitrag!
    hast du vielleicht noch Lust bei meiner Blogvorstellung mitzumachen? Es würde mich sehr freuen!

    Liebste Grüße, Sophia :**
    http://comelycreation.blogspot.de

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    1. Vielen, vielen, vielen lieben Dank. :)
      Ich hatte in den letzten Tagen viel mit einer Grundschulfreundin aus den ersten zwei Jahren zu tun, mit der ich später noch drei Jahre ein bisschen Kontakt hatte, dann so gut wie gar nicht mehr. Später haben wir dann immer noch ein bisschen geredet und helfen jetzt gemeinsam bei einem Projekt - es ist seltsam, mit jemandem, den man kaum mehr kennt als eine gute Bekannte, Kindheitserinnerungen zu teilen, plötzlich viel Zeit miteinander zu verbringen.
      Und gerade deswegen finde ich es auch so spannend, zu sehen, was für Menschen wir geworden sind. Vermutlich wäre ich eine ganz andere, wenn ich in diesem Freundeskreis geblieben werde, und es stimmt, ich bemerke gerade wirklich, wo die Unterschiede liegen, in welche Richtung ich gegangen bin.
      Ich hoffe sehr, dass das bei mir auch klappt. Ein Großteil meiner Freunde zieht glücklicherweise auch nach Berlin, ich hoffe sehr, dass wir uns oft treffen können - obwohl ich mir genau so sehr wünsche, neue Leute kennen zu lernen und ein bisschen über meinen, unseren Tellerrand hinaus zu schauen.

      Nochmal vielen Dank!
      Ich schaue mal vorbei, wenn ich mehr Zeit habe als jetzt - ich bin gerade schon fast am Einschlafen, aber ich würde mich freuen!

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  7. Solche Tage liebe ich ja. Einfach zusammen mit Freunden, bei wunderschönem Wetter auf irgendeiner Wiese. Manchmal gibt es einfach nichts schöneres. Da sieht man mal wie sehr man ich an solchen Kleinigkeiten eigentlich erfreuen kann :)

    Liebe Grüße :)
    http://www.measlychocolate.de

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    1. Oh ja - so kurz und bündig kann man es auch sagen. Solche simplen Momente sind einfach wunderbar, und man muss dafür nicht mal viel organisieren oder in ferne Länder reisen - so ein Nachmittag ist auch einfach schön.

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