Sonntag, 22. November 2015

Auszeit


Das sind Fragen, auf die ich nicht antworten kann, ohne mein Herz auszuschütten, und ich weiß nicht, ob du das wirklich noch hören willst. Ob ich das wirklich aussprechen will, einfach so.
Ich fühle mich wie blockiert, als wäre da ein Strudel in mir drin, der meine Gefühle und Gedanken aus ihrer Bahn reißt, durcheinander wirbelt und nur verwirrt und schwindelnd entlässt.


Und wenn es jetzt schon zu spät ist? Ich weiß nicht, ob ich mir das verzeihen könnte, und ich fürchte mich davor. Jetzt, endlich. Es ist wie ein Puzzle, in dem sich die Teilchen andauernd verändern. Ich habe eine Antwort, aber ich weiß nicht, ob ich die Frage wiederfinde und ob sie noch passt.

Ich hatte nie Angst davor, dass meine Wünsche zu fantastisch sind oder dass ich zu weit träume. Erst jetzt. Erst jetzt fürchte ich, dass diese Welt bröckeln könnte.


Wie lange wohne ich jetzt schon in der Stadt? Fast zwei Monate, und Berlin hat mich gepackt und durchgeschüttelt. Als mir bewusst wird, dass ich noch kein einziges Mal für mehrere Tage zu Hause war, kann ich es plötzlich kaum erwarten, in den Zug zu steigen. Vielleicht brauche ich eine Auszeit – um zu sehen, was passiert, während ich weg bin. Ob es irgendjemand bemerkt und wie es sich anfühlt, nach ein paar Tagen wieder in die U-Bahn zu eilen.


Und jetzt bin ich hier. Das Wetter ist genau so trüb, aber hier spiegelt es sich im See, raschelt durch die Blätter, schleicht über die Wiese. Ich habe im Zug endlich das Buch zu Ende gelesen, das ich schon so lange mit mir herumtrage und denke immer noch darüber nach. Die verrußte, eintönige Stadt mit ihren Routinen und den Menschen, die von Fakten leben. Die sich damit abfinden oder daran zerbrechen; nur eine einzige Figur hat sich behauptet in dieser Welt.
Dickens, aus dem Jahr 1854. In 161 Jahren hat sich nicht allzu viel verändert.


Aber ich will nicht zerbrechen und das werde ich auch nicht, ganz egal, ob ich von kalten Fakten oder brennenden Gefühlen überrollt werde. Der See ist so still wie immer, keine Menschenseele ist hier in den frühen Morgenstunden. Auf dem Rückweg begegne ich nur einem Fischreiher, der weit über mir Richtung Wald fliegt, irgendwo da, wo meine alte Kita liegt. Ich glaube, sie wurde verlegt, aber ich erinnere mich noch an die Räume, an den Spielplatz, meine Abschiedsfeier...

Es ist ein schönes Gefühl, zurückzukehren, wenn auch nur für ein Wochenende.

Vor unserem winzigen Rathaus stehen und für eine bunte Stadt Luftballons in den Himmel fliegen lassen.
»Maunz Maunz« spielen und sich an die Namen erinnern, die wir den Katzenkarten gegeben haben (Matschaugen-Katze, Spitzhut-Katze, Pickel-Katze ... was man sich so ausdenkt mit fünf).
Mit meiner Schwester so laut und schief singen, wie wir wollen, weil die Nachbarn es sowieso nicht hören.
Schokolade essen. Viel zu viel.
Die Idylle genießen, die in Berlin immer von abenteuerlustigen Joggern gestört wird.

Die Stadt scheint mich nicht zu vermissen.
Und ich sie – für diesen einen, vertrauten Moment – auch nicht.


Kommentare:

  1. Liebes Märchen,
    was für ein schöner, melancholischer Text..der hat mich gerade irgendwie traurig gemacht, einfach berührt..auf eine schöne Art und Weise.
    Man kann so viel hineininterpretieren, hier und da..
    Guck, du hast doch einen Ort, den du 'zuhause' nennen kannst und wo du dich so fühlst..schöne Erinnerungen und dein See:)
    Du zerbrichst nicht, liebes Märchen, du machst aus kalten Fakten und dem brennenden Gefühl sowas hier .. manchmal ist es aber auch gut, dem brennenden Gefühl nachzugeben, zumindest diesem einen:)
    Und deine Bilder sind wieder wunderbar.
    Ich befürchtete schon, du nimmst eine Auszeit hier, tu mir das nicht an Märchen.
    Bis bald(ich denke, ich schreibe jetzt einen elektronischen Brief:))
    Bis bald,
    datSilverchen<3
    Du liest Charles Dickens...ich sollte wirklich, wirklich dringend mehr lesen..letztens sah ich im Buchladen Moby Dick und hatte den Drang es zu kaufen..das hätte ich tun sollen, so viele Klassiker, die ich noch lesen muss..so viele..ich habe nichtmal Oliver Twist gelesen...oh Silver..

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    1. Dankeschön. <3
      Tjaja, eindeutige Aussagen gibt's hier selten, das wäre ja auch langweilig, Und hier kenne ich eben jeden Grashalm, das ist schon ein schönes Gefühl. Gerade jetzt, endlich schneit es hier auch, das sieht so schön aus draußen!
      Wenn es so einfach wäre. Brennen ist ja auch immer so eine Sache, entweder rennt man durchs Feuer und kommt heile an oder man steht hustend und mit Brandwunden auf der anderen Seite, die doch nicht so schön ist, wie man dachte. Mal sehen, wer weiß schon ...? Vermutlich nur die Zeit.
      Nee, nee, ich komme zwar nicht mehr sehr regelmäßig zum Bloggen und Antworten, aber ich bin noch dabei, ich suche gerade wieder nach alten Fotos.
      Oh, keine Sorge, zwischen einem Haufen Literaturstudenten fühlt man sich auch sehr unbelesen, abgesehen von Dickens kenne ich viel zu wenig. Moby Dick habe ich auch nicht gelesen, würde ich aber so gern, es kommt ja auch bald ein Film raus.
      Kann sein, dass die Mail noch ein bisschen auf sich warten lässt, wenn meine ältere Schwester kommt, ist hier quasi Full House. Aber irgendwann demnächst kommt was!

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  2. Liebe Mara,
    das hast du wunderschön geschrieben. Manchmal möchte ich auch so schreiben können, so lyrisch, so poetisch, mit leisen Andeutungen und viel Interpretationsspielraum. Bei mir wird immer alles zu konkret, endet zu schnell in einem Fazit.
    Ansonsten kann ich mich Silver nur anschließen: was für ein schöner, melancholischer Text.
    Melancholie ist etwas, das man glaube ich in dieser Phase des Erwachsen-werdens erstmals empfindet, dieses wehmütige Erinnern, in dem gute Erinnerungen und Traurigkeit mitschwingt. Ich persönlich lasse mich davon oft runterziehen. Aber vielleicht muss man es auch einfach mal zulassen. Mir geht seit einigen Tagen das Lied "Alles war aus Gold" im Kopf herum, das ich vor einigen Jahren sehr oft gehört hatte. Vielleicht hörst du es dir ja mal an :)
    Und vielleicht muss man wieder mal in das, was hinter einem liegt, eintauchen. Einen Gang zurück schalten, eine, wie du so schön sagst, Auszeit nehmen. Vom jetzigen Leben, zwei Tage aus dem Zug aussteigen und kurz an der Haltestelle stehen bleiben. Durchatmen und den Wind spüren.

    Alles Liebe,
    Cho

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    1. Vielen lieben Dank, Cho. Ach, ich glaube, das schätzt du viel zu kritisch ein, ich liebe deine Texte, ohne dass ich immer ganz genau weiß, worauf du dich gerade beziehst. :)
      Ich frage mich immer, ob das so schlecht ist. Ich meine, allein die Tatsache, dass man sich an die schönen Zeiten erinnern kann und - wenn man Glück hat - nur ab und an in solchen Gedanken versinkt und dazwischen neue, wunderbare Erinnerungen schreibt. Wobei das natürlich eher in Richtung Nostalgie geht, Melancholie hat ihre schlimmen Seiten ... aber man kommt nicht drum rum. In Erinnerungen schwelgen, ein bisschen in der Vergangenheit leben, kann schmerzhaft sein, aber manchmal ist es auch einfach schön und notwendig.
      Und das Lied ist wunderschön! Kannte ich davor noch nicht, aber allein der Name ist fabelhaft.

      Ich wünsch dir einen schönen ersten Advent! :)

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  3. Guten Morgen meine Liebe.
    Endlich habe ich deinen Blog und dich wiedergefunden. Ich bin nun auch wieder dabei.

    Alles Liebe,
    Sanni

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    1. Ich musste gerade kurz überlegen, aber dann viel mir Duftpoesie wieder ein - ich schaue gleich mal bei deinem neuen Blog vorbei! (:

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  4. Wunderschöne Bilder, sie passen gut zu dem Text! :)

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  5. Bin mal gespannt, wie das wird, sollte ich je studieren. Ich komme mir selbst in mittelgroßen Städten vor wie ein Landei, obwohl ich doch schon in einer der größten Metropolen dieser Welt gelebt habe. Immer diese unterschwellige Melancholie die so schwer auszudrücken ist. Aber das hier fasst sie zusammen, deswegen werde ich nicht mehr viele Worte dazu verlieren.

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    1. Ich meine - mir gefällt es hier. Ich mag diese Stadt jetzt schon, auch wenn sie voller Ecken und Kanten ist, das macht es ja gerade so aufregend und schön. Aber andererseits ist es manchmal so viel, dass mir meine Heimat fehlt. Das, was ich kenne.

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    2. Ich mag es im Grunde auch, dieses ganz andere Gefühl und manchmal finde ich es auch okay, einfach zu verschwinden... Meine Eltern haben bzw. hatten ja beide Probleme. Meine Mutter als Stadtmaus, der unsere Stadt manchmal zu klein und beschaulich und zu abgeschnitten von der Welt ist, mein Vater als Landmaus, weil er es in den smogüberdachten, rappelvollen chinesischen Großstädten (wenn dir ein Chinese weismachen will, er käme aus einem kleinen Kaff, glaub ihm nicht. Es wird eher ein ziemlich großes Kaff mit einer Million Einwohner sein) nicht aushielt. Aber letztendlich hatte beides auch schöne Seiten. Ich glaube, es ist auch eine Frage der Gewöhnung und Bindungen. Kann ich mit einer noch so fremden Stadt so etwas wie eine Beziehung aufbauen? Entdecke ich die interessanten, schönen und geheimen Winkel, so wie ich in meiner Stadt jede Ecke kenne und mich kaum je verlaufen könnte? Aber wenn man an alte Orte zurückkehrt oder alte Bilder und Gegenstände wiederfindet, dann wird man melancholisch, ob über gute oder schlechte Erinnerungen.

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    3. Ich muss sagen - mir reicht Berlin auch erst mal, chinesische Metropolen oder gleich Tokio-Yokohama stehen eigentlich nicht auf meiner Reiseliste, das ist mir dann doch zu viel.
      Und es sind so sehr die Menschen. Ja klar, irgendwie ist es dann immer "die Stadt", aber was mich am meisten bewegt, sind wohl doch diese ganzen komplett neuen Personen, die plötzlich auftauchen, kommen, gehen, bleiben ... Und das dann noch in einem neuen Umfeld. Für die, die schon länger hier leben, ist studieren sicher auch erst mal ziemlich verwirrend und neu, aber immerhin haben sie schon ihre vertrauten Ecken.

      Schwierig, schwierig.

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