Sonntag, 29. November 2015

Der Duft, der Goethe verführt ...


Mit dem Advent kommt die Nostalgie.
Mit dem Schnee, dem traditionellen Konzert, Räucherkerzenduft, Familie, Freunde. Wenn man irgendwann anfängt, zu schwärmen und sich an vergangene Tage erinnert.
An Weimar.


Weimar ist schon fast zwei Jahre her – verrückt, wenn ich jetzt so darüber nachdenke. Zwei Monate, bevor ich diesen Blog ins Leben gerufen habe und deswegen bis heute irgendwo auf meiner Festplatte vergraben.

Und um nicht schon wieder in vagen Andeutungen zu versinken:
Wir sind in der elften Klasse nach Weimar gefahren, die Minderheit der halbwegs kulturell interessierten Leute, die weder Skifahren noch allein zu Hause bleiben wollten.
Okay, ich mag Skifahren. Aber es gab andere, entscheidende Argumente: Prinzessinnenkleider!


Weimarpedia ist ein Bildungsprojekt und das ist weniger schlimm, als es klingt. Kurz gesagt verbringt man ein paar Tage in Thüringen, schaut sich interessante Sehenswürdigkeiten an (das da oben zum Beispiel: die wollten da nie ein fertiges Gebäude hinbauen, das sollte einfach eine fancy Ruine werden!), lernt viel über zwei gewisse Dichter der Weimarer Klassik, die dort ihren Lebensabend verbracht haben und hat verdammt viel Spaß.


Einmal, weil es die meisten coolen Kids in die Berge gezogen hat, und während man sich da im Süden bis in die Nacht hemmungslos betrinken musste/konnte/durfte, haben wir in unserem kleinen und feinen Grüppchen Tee getrunken,


zusammen gekocht und


fragwürdige Videos in unserem Alien-Zimmer gedreht. Mit drei fabelhaften Freundinnen kann man auch so eine wunderbare Zeit haben.


Und es ist gar keine so schlechte Idee, sich diese beiden Dichter mal aus einer nicht-schulischen Perspektive anzuschauen; bei Goethes Frauengeschichten haben die meisten nur noch die Augen verdreht und als man uns Schillers Obduktionsbericht vorgelesen hat, haben sich mir fast die Fußnägel hochgerollt. Ob ich das in Zukunft anwenden kann, ist eine andere Sache, aber interessant war es allemal.



Diese Uhr wurde in dem Moment angehalten, als Schiller starb. Irgendwie faszinierend. Und gruselig.


Aber um auf unsere Hauptbeschäftigung zurückzukommen: Das Projekt.
In den ersten Tagen wurden wir viel herumgeführt, sammelten Ideen und schrieben einen kleinen Lexikonartikel. Ab Mittwoch haben wir dann unsere eigenen, egoistischen Ziele verfolgt: Verkleiden. Das war immerhin der Hauptgrund.


»Wir sind Ulli, Mara, Juli und Lotti und kommen aus dem kleinen Städtchen Neuruppin, wo wir die 11. Klasse besuchen. Wir haben uns unseren Mädchentraum erfüllt und uns in die Rollen der vier wichtigsten Frauen Goethes versetzt - mit Prinzessinnenkleidern!

Ulrike von Levetzow, Charlotte Buff, Christiane Vulpius und Charlotte von Stein posierten für unsere Parfumwerbung "Goethes Musen" in Räumlichkeiten Weimars: Schlosspark, Schillerhaus, Gartenhaus und Schloss. Jede der "Musen" zeichnete sich durch besondere Charaktermerkmale und Eigenschaften aus, jede hatte eine ganz eigene und besondere Bedeutung für Goethe und somit auch einen ganz eigenen Duft. Einen Duft, der Goethe verführt(e)....«

(Es ist übrigens nicht unser Kindheitstraum, in die Rollen der vier wichtigsten Frauen in Goethes Leben zu schlüpfen. Das bezog sich mehr auf Reifröcke, aber das nur nebenbei.)

Ja. Das war unsere überaus kreative Idee, die erst skeptisch beäugt wurde und sich jetzt schon seit stolzen zwei Jahren in den Dauerfavoriten hält. Eine Parfümwerbung.

Für alle, die wissen wollen, wen Goethe in seinem langen Leben so angebaggert hat, gibt's eine Kurzinfo, die ich kurz nach dem Projekt verfasst habe; als die Erinnerung noch frisch war.
Für alle, die das nicht wissen wollen, gibt es immerhin schöne Bilder.


›Ulli spielte Ulrike von Levetzow, die Goethe kennen lernte, als er 73 und sie 17 war. Man kann sich denken, dass sie den Antrag ablehnte, auch wenn er bestimmt eine gute Partie gewesen wäre. Aber echt, was will man in dem Alter mit jemandem, den man als »großväterlichen Freund« betrachtet? Genau.‹


Ja, wir haben sie im Januar barfuß in ein fließendes Gewässer geschickt. Ohne ein Handtuch mitgenommen zu haben. Man muss Opfer bringen.


›Kennt jemand den Goethe-Film mit Charlotte Buff? Sie hat Goethe zu »Die Leiden des jungen Werther« inspiriert, was ihn als jungen Mann bekannt gemacht hat und wegen der Selbstmordszene aus Liebe ein ordentlicher Skandal war. Charlotte war schon verlobt, seit sie 15 war, hat sich liebevoll um ihre vielen Geschwister gekümmert und später auch um einen Haufen eigener Kinder. Sie war nie in Weimar, deswegen konnten wir auch ohne Bedenken im Schillerhaus drehen.‹


Eigentlich haben wir uns immer vor Ort umgezogen, aber für Charlotte Buff haben wir die Fotos vergessen und deswegen bin ich in dem Aufzug dann auch nochmal durch die Innenstadt gerannt und habe während einer Schul-Führung mit einem Parfümfläschchen im Goethehaus posiert. Auch wieder eine neue Erfahrung, so als Touristenattraktion meinen Humor beweisen.


›Christiane Vulpius, das einfache Mädchen; noch ein Skandal. Die beiden haben mehr als 25 Jahre lang zusammen gelebt, die meiste Zeit in einer wilden Ehe, also unverheiratet. Sie haben es später auch nur amtlich gemacht, weil Krieg herrschte und man ja nie wusste, ob man nicht besser schnell das Erbe sichert. Sie starb allein... Goethe hatte Angst vor Krankheiten. Ein schweres, aber schönes Leben.
Wir haben im Gartenhaus gefilmt, das Herzog Carl August dem bereits recht bekannten Goethe geschenkt hat, um ihn nach Weimar zu locken. Er hat manchmal auf dem Balkon übernachtet und die Sterne angeschaut.‹


Lustigerweise war »die Vulpius« wirklich nicht sonderlich hübsch, ganz im Gegensatz zu unserer Darstellerin, Juli.


›Und dann ist da noch Charlotte von Stein. Das war die geistige, reine Liebe, die sich vor allem in schönen Briefchen ausdrückte. Goethe hatte eine Marmorhand von ihr (zum Streicheln?). Als er von seiner zweijährigen Reise nach Italien zurückkehrte, war es vorbei und Charlotte forderte erbost ihre Briefe zurück, die sie leider alle verbrannte. Die edle, schöne Dame von Adel, unerreichbar, perfekt.‹


Wir haben – natürlich! – im Schloss gefilmt und hatten am Ende viel zu viel Material, weil es so viele schöne Ecken gab. Das ist damals mal abgebrannt und das war ein großes Problem, weil Weimar auch sonst nicht mehr sehr viel zu bieten hatte, nachdem das Kulturzentrum zu Asche geworden war. Nach 30 Jahren stand es allerdings wieder.


(›Die Anna-Amalia-Bibliothek mit ihrem wunderschönen Rokoko-Saal. Zum Träumen... Ich hätte heulen können, als ich erfuhr, dass bei einem Brand 2004 um die 50 000 alte Bücher vernichtet wurden.‹)

Wir waren bei der Präsentation am Freitag ziemlich aufgeregt und mussten immer schon lachen, bevor etwas passiert ist, weil wir es in- und auswendig kannten – vor allem, wenn dieses eine Lied zum fünften Mal eingespielt wurde. Das war das erste Mal, dass wir so etwas gedreht hatten und das auch noch unter Zeitdruck, aber am Ende hat nicht nur das Ergebnis gezählt, sondern der Weg dahin.

Und ich muss immer noch jedes Mal lächeln, wenn ich das Video sehe und mich an unsere Zeit zu viert erinnere. Die vielen kleinen Geschichten und Ideen, diese fünf Tage voller wunderbarer Momente, ein Stückchen Schulzeit, das nichts mit Klausuren und schrecklichem Mittagessen zu tun hat. Gerade jetzt, wo wir uns alle verstreut haben, unterschiedliche Wege gehen. Gerade jetzt, wo mich die Nostalgie überkommt.


Ich wünsche euch einen fabelhaften 1. Advent!

Kommentare:

  1. Das war ja ein tolles Projekt!
    Perfekt umgesetzt!
    Liebe Grüße,
    Anna
    www.glitterandsilk.blogspot.de

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    1. Vielen lieben Dank - wir hatten wirklich eine wunderbare Zeit! :)

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  2. da bin ich aber froh, dass du uns das jetzt noch zeigst!
    das video ist ja mal richtig richtig gut! und auch die bilder sind echt toll.
    und wer will nicht mal touristenattraktion sein? hat doch was :D

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    1. Bei so einer Reaktion; gerne doch! :D Und dankeschön!
      Nicht wahr? So wie diese Leute, die immer Stadtführungen anbieten, das hätte ich mal spontan versuchen können, um ahnungslosen Touristen ausgedachte Fakten über die Altstadt zu erzählen.^^

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  3. Liebe Märchenmara,
    ich bin einfach zu schnell^^
    Was für ein süßes Projekt! Ich habe mir das hier notiert und überlege, es mir irgendwo hin zu tätowieren..wäre das irgendwie..unartig? "Will mich in der Melancholie meines alten Schicksals weiden, nicht geliebt zu werden, wenn ich liebe."
    Ihr passt so perfekt in diese Rollen! Wunderbar.
    Das mit dem Brand ist wirklich tragisch..so viele Bücher einfach vernichtet..
    Es ist schön, dass du so wunderbare Erinnerungen hast..mehr dazu dann irgendwann woanders.
    Ach je, heute ist der 1.Advent?
    Dir auch einen schönen 1.Advent,
    bis bald,
    Silver^^

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    1. Ich komme einfach nicht hinterher.^^ Selbst die Mail, jetzt gerade bin ich sowieso viel zu durcheinander, schon wieder so ein Chaos, und sag Bescheid, wenn du zum Tätowierer gehst, dann bekritzeln wir uns zusammen mit intellektuellen Goethe-Zitaten, für Tolkien ist schon noch genug Platz. Ich habe gerade das Gefühl, mein Timing ist auch nie besonders passend, diese Dichter wissen, wie das ist. Wie schaffen Menschen das bitte, sich a) gleichzeitig und b) ineinander zu verlieben (also, nicht nur so einseitig, wie man das so kennt)? Und dabei c) vor Verwirrung nicht zugrunde zu gehen?
      Ja. Gut, soviel dazu. Dankeschön! Und ich hoffe, es kommen noch viele, viele dazu - genau so wie bei dir.
      Jaaa, jetzt darf man offiziell Carol of the Bells von Libera hören, Plätzchen futtern, auf den Weihnachtsmarkt gehen (und dabei "All by myself" singen, während man romantischen Pärchen hinterher starrt und ein kleines bisschen weint), Deko-Zeugs aufhängen, sich besinnlich fühlen (immerhin das, wenn schon nicht sinnlich, ne?), Weihnachtspullis anziehen ... Und sowas. Feine Sache, so an sich.
      Ich melde mich zurück, so bald ich kann. <3

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    2. Nahaiin Mara,
      nicht verwirrt und traurig sein, besinnlich ist okay.
      Wenn du wirr und traurig bist und ich wirr und traurig bin-hebt sich das dann nicht irgendwo auf? Sind wir dann klar und froh? Ja, sind wir.
      Ich habe Kekse backen versucht, hat nicht geholfen. Als nächstes folgt ein abartig fröhlicher Weihnachtspulli mit Rentier oder Schneemann drauf. Ein 3-D Pulli.
      Muss funktionieren.
      Chaos überall, kein Ding, immer mit der Ruhe..Zitate tätowieren, geht klar^^
      Ich schenke mir zu Weihnachten einen Helix, all by myself.
      Bis ganz bald<3
      Silver^^

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    3. Ich finde das mal wieder absolut sinnvoll und werde es bei meinen Silver-Zitaten aufnehmen. Ich glaube, ich habe sogar noch ein paar auf dem Handy, muss ich mal zusammen führen und irgendwann kommt hier ein Best of Silver-Post mit Nebelbildern.
      Ja, wir sind jetzt klar und froh!
      Ich hab einen Rentierpulli! Der kuschelige Norweger-Umarmungs-Pulli, da sind welche drauf! Und deine Kekse sahen verdammt fabelhaft aus, meine werden heute viel liebloser werden, aber damit komme ich klar. Hauptsache 's schmeckt!
      Gut, gebongt. Und Helix klingt famos, ich glaube, ich will mir auch was schenken ... erst mal kein Piercing, vielleicht eine Postkarte. Wo nicht sowas rosa-niedliches draufsteht wie "Augen zu und durch" sondern schwarz auf weiß "fuck you". Fände ich schön.

      Die Mail ist da, die Mail ist das, vivre la Mail!

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  4. Das sind wunderschöne Bilder und die Kleider sind ja wirklich traumhaft! ♥

    Liebe Grüße,
    Hannah ♥

    PS: Auf meinem Blog läuft zurzeit ein Gewinnspiel - vielleicht möchtest du ja mitmachen? Ich würde mich freuen :)
    http://fightingforparadise.blogspot.de/2015/11/1-advent-gewinnspiel.html

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    1. Vielen lieben Dank, Hannah!
      Ich schau mal vorbei. :)

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  5. Sieht ziemlich cool aus :D ihr wart also wirklich vor allem wegen diesem Video in Weimar?

    Ich habe ein Buch , "Wenn du geredet hättest, Desdemona -ungehaltene Reden ungehaltener Frauen" in dem unter anderen auch Christiane Vulpius eine Rede hält. Hätte ich fast vergessen, aber als ich den Text gelesen habe, kam es wieder. Erstaunlich, wie viel Allgemeinwissen man so bunkert.

    Hmm, bei unseren Studienfahrten gilt die Tschechien-Slowakei-Ungarn-Tour als die Säufertour, zu der die Hälfte hingeht. Südliche Gebirge dagegen sind eher die Sportlertour für alle, die sich mal so richtig müde fühlen wollen und dort wandern, radfahren, raften und anderes in der Art machen wollen.

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    1. Danke! Wir hätten natürlich auch was Anderes machen können, aber ja, war halt eine Bildungs/Projekt-Fahrt.
      Ohh, das lag auch immer bei uns zu Hause rum, habe ich aber nie gelesen. Muss schon eine interessante Frau gewesen sein, ich finde es sowieso bewundernswert, dass sie es so lang mit ihm ausgehalten hat. Goethe scheint mir kein allzu sympathischer Mensch gewesen zu sein.

      Das kombinieren sie bei uns, Sport *und* saufen.^^ Museen und Sightseeing wäre schon viel zu intellektuell, muss man halt Skifahren.

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    2. Naja, ich weiß nicht so viel über Goethe, dass ich das beurteilen könnte. Christiane erzählt halt so ein bisschen über ihr Leben mit dem guten Mann, aber er kommt eigentlich recht gut weg. Vielleicht, weil sie als nichtadlige Frau ohne gesicherten Unterhalt im richtigen Alter keinen Grund hatte, Nein zu sagen, wo er sogar bereitwillig den gemeinsamen Sohn anerkannte? Könnte ja durchaus ein Argument gewesen sein...

      Ach so. Naja, bei uns ist es theoretisch die historisch/allgemeine "Kultur"-Tour, die mit Saufen verbunden wird, weil Alkohol in Polen, Tschechien, Ungarn und Co. billig und leicht zu kriegen ist. Aber da wird dann halt so viel gefeiert, dass eigentlich keiner noch eine Ahnung hat, worum es eigentlich geht. Dagegen ist die Florenzfahrt die reinste Weibergesellschaft, bei der es um Michelangelo geht. Ist also irgendwo vergleichbar :D

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  6. Liebe Mara,
    vielen lieben Dank. Auch ich freue mich, meinen Weg gefunden zu haben und ihn jetzt auch gegangen zu sein. Ja, Medikamente vereinfachen vieles und sind demnach, wenn sie denn helfen auch nicht schlecht aber es ist, finde ich, etwas stützend sein sollte für eine zeitlang aber nicht für immer. Es gibt da wirklich andere Wege, auch wenn sich viele Menschen davor verschließen, was schade ist.

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  7. Ich erinnere mich noch ziemlich gut daran alls du mir das erste Mal von der ganzen Aktion erzählt hast und ich mir das Video angesehen habe. Kann gar nicht glauben, dass das schon wieder 2 Jahre her sein soll! Du verarschst mich hier doch, oder? Prinzessinenkleider will ich übrigens immer noch anziehen, kannst du mir nicht eines vorbei schicken?

    . xo xo Caroline

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    1. In einem Monat sind's zwei Jahre - ich finde das gerade auch ein bisschen sehr krass. Das kann doch noch nicht so lang her sein, dass ich da als Elftklässlerkindchen durch Weimar gehüpft bin!
      Aber irgendwie wohl doch schon.
      Wo auch immer gerade deine Adresse ist.^^ Aber im Moment habe ich leider auch keine, lange Kleider sind zu Hause geblieben.

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