Dienstag, 19. Januar 2016

Zeit und Aufmerksamkeit


»Zeit und Aufmerksamkeit – das sind unsere wichtigsten Ressourcen. Zeit und Aufmerksamkeit.«
Das ist einer dieser Sätze, die ich eigentlich nicht mehr hören kann. Wie diese Facebook-Sprüche.
Sei du selbst. Glaub an dich. Du bist mehr als nur dein Äußeres.
Das sind eigentlich schöne, wichtige Gedanken, aber so oft wiederholt, dass man die Idee dahinter irgendwann ignoriert so wie die Wohnzimmereinrichtung. Kennt man schon, ist doch auch nur pathetisches Geschwafel.


Zeit und Aufmerksamkeit, sagt mein Dozent wie fast jede Vorlesung und stellt uns ein Projekt vor: the book that can't wait. Ein Buch, dessen Tinte nach zwei Monaten verschwunden ist. Letztendlich nur eine Täuschung, um die Leute wach zu rütteln und daran zu erinnern, wie schnell wir leben, und es bringt mich wirklich zum Nachdenken.

Wann leben wir Momente denn schon so wirklich aus? Irgendwie sind wir doch dauernd wo anders, machen Dinge nur halb, werfen zwischendurch immer mal wieder einen Blick aufs Handy und liken ein paar Bilder bei Instagram. Als wäre eins zur gleichen Zeit nie genug, die Welt ruft und man muss so viel mitnehmen, wie es eben geht. Alles gleichzeitig und irgendwie passt das schon.

Wann habe ich das letzte Mal ein Buch ohne Unterbrechung durchgelesen? Ich weiß es nicht mehr, nur, dass ich das früher viel häufiger getan habe. Und das liegt nicht daran, dass ich so viel mehr zu tun habe, das liegt daran, dass ich so viel mehr tun kann.
Warum habe ich letztes Mal beim Schwimmen eigentlich schon nach zweieinhalb Kilometern aufgegeben? Geplant waren drei, und ich kann das auch, aber irgendwie habe ich trotzdem schon früher das Becken verlassen. Keine Lust mehr, meine Arme taten weh, ein bisschen. Und ich kam früher nach Hause.
Und als wir uns letztens getroffen haben, haben wir da nicht auch mal den Blick gesenkt und bloß ganz schnell eine Nachricht beantwortet? Obwohl wir doch uns hatten?
Und selbst während ich diesen Post schreibe, schweife ich ab. Immer wieder.

Das kann man gar nicht verhindern und das war irgendwie schon immer so, auch bevor WLAN und Handys sich in unser Leben gemischt haben. Aber ich würde eigentlich gern öfter so intensiv leben.

Mich in meinem Bett einkuscheln und dieses Buch lesen, dass meine Mama mir schon vor Jahren gegeben hat. Das ist eben nicht Hunger Games, was sich mal eben schnell weg liest, aber wenn die Tinte nach zwei Monaten verschwunden wäre, hätte ich meine Chance schon längst vertan. Und ich hätte so viel Zeit gehabt.
Ich will diese drei Kilometer schwimmen. Es ist doch nur noch eine Viertelstunde, und auf den letzten fünfhundert Metern stört es mich kaum noch, dass es dauernd zu eng wird, wenn ich überholt werde oder an langsameren Leuten vorbeiziehe. Plötzlich ist da dieser Rhythmus, die brennenden Muskeln ganz weit hinten in meinen Gedanken und meine Lunge schon gewöhnt an die regelmäßigen Abstände, in denen ich Luft hole. Plötzlich war da nur noch die Stille unter Wasser, das Rauschen an der Oberfläche, diese immer gleichen Bewegungen wie ein stromlinienförmiger Delfin, der nur dafür geboren ist, durch das Becken zu gleiten. Auch wenn es nur Chlorwasser ist. Die letzten Meter sind die besten.
Ich habe mein Handy irgendwo in meinem Mantel gelassen, aber eigentlich brauche ich es auch gar nicht. Wir lachen so viel, dass ich für den Moment gar nicht wissen muss, worüber andere Leute sich gerade amüsieren.


Zeit und Aufmerksamkeit. Das ist irgendwie immer noch ziemlich abstrakt. Ich weiß nicht, ob es eine klare Linie gibt zwischen Nutzen und Vergeuden oder ob beides ohnehin immer ineinander verschwimmt. Ich weiß auch nicht, ob ich mehr hätte tun können oder wo diese Gedanken mich gerade hinführen.
Aber ich glaube, irgendwie, am Ende des Tages, hängt es mit Zufriedenheit zusammen.

Kommentare:

  1. Dieser Text ist genau das, was ich auch vor kurzem bei einem post auszudrücken versucht habe. Du kannst so etwas immer so schön im Worte fassen!
    Dieses Buch ist eine tolle Erfindung! Sollte ich mir auch mal zulegen. Wobei ... Da fällt mir gerade ein, eigentlich hab ich das schon. Auf meinem e-book reader, wenn ich da Bücher aus der online Bibliothek ausleihe, lassen die sich nach 21 Tagen nicht mehr öffnen.
    Lese ich deshalb schneller? Vielleicht manchmal. Wenn ich ein Buch anfange und es mich mitreißt. Aber meistens fange ich gar nicht erst mit Lesen an, sitze lieber stundenlang am Handy stattdessen. Versuche, so viel wie möglich mitzunehmen, wie du sagst.
    Zeit und Aufmerksamkeit. Oft gehört, das pathetische Geschwafel :D und doch nicht verinnerlicht. Vielleicht aus mangelnder Motivation. Oder ist es eine Sucht? Nach Information? Gibt es so was?
    Ich merke schon, ich schweife mal wieder ab. Es ist erstaunlich, wie ich hier immer zum Denken angeregt werde :D Auf jeden Fall: toller Post. Vielleicht beschreibt er das "Problem unserer Generation" am allerbesten.

    Liebe Grüße,
    Cho

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oh, das war mir beim Schreiben gar nicht mehr so bewusst ... ich höre das irgendwie alle 14 Tage jeden Montagmorgen, zwischendurch macht sich immer noch jemand drüber lustig, aber irgendwie ist der Gedanke schon interessant.
      Das hab ich irgendwie mal wieder undeutlich formuliert. :D Das Buch gab's gar nicht wirklich,es sollte nur Aufmerksamkeit (da haben wir's wieder) erregen. Es gibt dazu einen Trailer bei Youtube, ich hab ihn dann aber doch nicht verlinkt.
      Ja, das geht mir eben auch viel zu oft so, und ich hab nicht mal den Druck mit dem E-Reader. Und ich bin Literaturstudentin, das sollte einem doch zu denken geben - ich dachte, ich werde Bücher quasi verschlingen, und da sitze ich nun und blogge stattdessen. Auch nicht schlecht, aber trotzdem.
      "Generation dies und jenes" mag besagter Dozent auch gern, aber vielleicht hat er da auch irgendwie recht. Wir sind halt immer ein bisschen anders als unsere Eltern. Tja. Und immerhin hat er's oft genug wiederholt, damit ich was drüber schreibe und das Wort in der Internetwelt verbreite, da hat er seinen Lehrauftrag doch schon ganz gut erfüllt (obwohl ich seiner Meinung nach vielleicht lieber ein bisschen Aristoteles wälzen sollte, wer weiß).
      Dankeschön für deine Gedanken dazu, liebe Cho! Und ich suche jetzt nochmal deinen Post. :)

      Löschen
  2. Hallo liebe Mara,
    dann schenke ich dir mal etwas von meiner Zeit und Aufmerksamkeit.
    Ich hoffe doch, dass der Gedanke hinter den zwei Worten niemals als gegeben hingenommen wird.
    Ich habe beides nicht im Überfluss und muss sagen, dass ich schon erwarte, dass es auch gewürdigt wird, wenn ich es gebe.
    Es macht mich wütend wenn ich z.B. mit einer Freundin zusammen sitze und sie alle zehn Sekunden auf ihr Handy schaut weil sie gerade mit jemandem schreibt.
    Das finde ich daneben.
    Meine Zeit und Aufmerksamkeit als selbstverständlich hinzunehmen und zu missachten.
    Hm ja, diese Sprüche...vielleicht hat man sie wirklich zu oft gehört, ist einfach der Worte überdrüssig aber das macht sie für mich nicht weniger wahr und wichtig.
    Ob man das nun tatsächlich umsetzt ist wieder eine andere Sache.
    Dieses Buch interessiert mich.^^
    Spannende Sache. Man hat eben nicht ewig Zeit, auch wenn man das denkt, wie gern und schnell man sich ablenken lässt, geht mir leider auch so.
    Sich einfach mal auf sich besinnen oder auf das, was man gerade macht oder auf die Menschen, mit denen man gerade seine Zeit teilt.
    Die Tinte verblasst so schnell und am Ende hat man sich auf etwas konzentriert, was eigentlich unwichtig ist...ich glaube, in unserer Zeit ist das schon massiver als zu Zeiten, in denen es 'Social Media' noch nicht gab.
    Warum verfolgen wir so dringend Bilder, Geschichten und Erlebnisse anderer Menschen, auf Instagram oder sonstwo, anstatt unsere eigenen Geschichten zu schreiben?
    Bevor die Tinte verschwunden ist.
    Handy in der Manteltasche lassen, das ist ein guter Gedanke...fällt mir schwer, ehrlich gesagt.
    Wenn du die drei Kilometer schwimmen willst, wirst du sie auch schaffen.
    Handy im Wasser ist eh nicht so gut, und die Neuigkeiten im Internet sind auch später noch da.
    Nach dem Schwimmen, Buch, Freunden etc.
    Und ich möchte auch eine Fensterbank...
    Schön deine Bilder, ich vermisse die obligatorische Kuscheldecke und die Teetasse auch nicht wirklich^^
    Und ein schöner Post, regt mal wieder zum Nachdenken an.
    Bis bald,
    deine Silver^^

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Und das freut mich immer wieder!
      Nein, das hoffe ich, um ehrlich zu sein, auch nicht, auch wenn es andauernd wiederholt wird wie so eine Zelldefinition, die man schon nicht mehr hören kann. Oder halt Facebooksprüche. Die Liste ist endlos. Und es ist wirklich ziemlich traurig, wenn man sich dann mal die Mühe macht und das geflissentlich ignoriert wird, ja danke, ich könnte auch schon was Anderes tun, wenn's dir egal ist. Und Zeit und Aufmerksamkeit von Mensch zu Mensch ist ja nur der eine Aspekt ...
      Das hab ich mal wieder zu kryptisch ausgedrückt - das Buch gibt's gar nicht, sollte bloß Aufmerksamkeit (!) erregen. Aber es gibt einen Trailer bei Youtube (den ich nicht nochmal rausgesucht habe, aber ich glaube, das findet man). Und die Diskussion im Hörsaal war auch echt interessant - warum sind wir da so oberflächlich geworden?
      Auch wenn Bücher lesen immer noch Geschichten anderer Leute sind, aber das stimmt. Du meine Güte, das ist gerade ein ziemlich sehr wunderbar großartige krasse Metapher! Ich hab gerade wirklich dieses sich leerende Tintenfässchen und die unbeschriebenen Blätter vor Augen ... ich will nicht nur mit einem Elfchen enden. Gute Elfchen sind eh verdammt schwer zu schreiben, da muss man schon Talent haben.
      Stimmt, wasserdicht ist's nicht. :D Und ich bin am Freitag wirklich die ganze Strecke geschwommen, hab mich ein bisschen wie Wackelpudding gefühlt aber es war toll!
      Die Fensterbank ist leider ziemlich schmal ... aber im Sommer kann ich's aufmachen und aus dem dritten Stock die Beine baumeln lassen (#mamaweißnix). Und ich hab keine fotogene Kuscheldecke, dann probiere ich es lieber wieder mit der Elfenkleidmasche - scheint zu funktionieren.^^
      Dankeschön! Und danke für deine wunderbaren Worte und die Tintenmetapher. <7 (Jetzt wird's wirklich rebellisch.)

      Löschen
    2. Glückwunsch zu den drei Kilometern, auch wenn ich gerade nicht wirklich eine Vorstellung davon habe, wie viele Bahnen das so wären..und wie anstrengend das sein muss.

      Stimmt natürlich, Bücher sind Geschichten anderer aber ich meinte mehr Snapchat Storys, Bilder auf Instagram gucken, 'Facebooken' und und..ich weiß warum ich das alles nicht habe, ich würde wohl den ganzen Tag nichts anderes tun als mich damit zu beschäftigen. Daher rebelliere ich und ignoriere das alles(hätte ich jetzt noch ein Che Guevara-Shirt!:0)
      Naja, die Tinte-des-Lebens-Metapher bot sich an und ist ja wie deine Farbtopf und Pinsel-Metapher...und ich frage mich gerade, ob man eine Konversation hinbekommt, die nur aus Metaphern besteht..oder ob man irgendwann total den Faden verliert^^
      Elfenkleidmasche ist doch hier Programm;)
      Ja, das stimmt, ich habe mich auch mal an Elfchen versucht, eines fand ich dann ganz ok aber es ist echt nicht einfach.
      Wie auch immer, das Buch steht für so viele Dinge und das mit der Aufmersamkeit ist dir gelungen^^
      Sö, Zeit aufgebraucht, Aufmersamkeit nicht,
      hab einen tollen Tag,
      bis denn,
      Silver<8

      Löschen
  3. Als ich deinen post gelesen habe war ich seit langen mal wieder nur auf eine Sache fixiert. Dein Gedankengang gefällt mir sehr gut, genauso wie die Idee mit der Tinte. Wir wären doch auch viel weniger gestresst wenn wir nicht immer in Gedanken abschweifen würden, wenn man einfach mal das Handy liegen lässt, oder um nicht immer vom ach so schlimmen Smartphone zu reden, wenn wir nicht immer an nachher denken würden... Aber das ist gar nicht mal so einfach.
    Liebe Grüße,
    Jone
    joneunterwegs.wordpress.com

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das freut mich gerade wirklich, danke! :)
      Das fand ich auch echt spannend, auch wenn es nur eine Täuschung war und das Buch nicht wirklich existiert - wenn man plötzlich merkt, wie lange wir manchmal eigentlich an Büchern lesen oder brauchen, um uns aufzuraffen, ist das überraschend. Und es liegt wirklich viel zu oft am Handy ... aber es ist echt schwer, sich in dem Punkt zu ändern.

      Löschen
  4. Wieder ein tolle Post! Und es ist so wahr.. Man liest und guckt und liked und kommentiert, ist aber nie ganz bei einer Sache dabei, nie so richtig aufmerksam.. Ich poste Bilder, Videos, gebe mir Mühe bei meinen Posts, aber möchte ich nicht, dass die Menschen das auch sehen? Dass sie bemerken, dass ich länger als 5min gebraucht hab um das perfekte Instagram-Bild zu posten, dass ich 2 Tage an meinem YouTube Video saß? Wir scrollen durch die Seiten und später haben wir zum Teil vergessen, was uns gefiel.. Ist das der Sinn von Social Media?
    Ganz liebe und nachdenkliche Grüße aus dem hohen Norden,
    Nadja

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke dir! Stimmt, das ist auch innerhalb von Social Media so, gerade da schaut man sich vieles nur sehr oberflächlich an, auch wenn viel Arbeit investiert wurde. Und dann liked man sich durch und hat am Ende vielleicht noch zwei Bilder in Erinnerung.
      Das ist leider wirklich oft so ... deswegen mag ich es, dass Blogs irgendwie oft "intensiver" sind.
      Danke für deinen Denkanstoß. :)

      Löschen
  5. Ich stimme dir da absolut zu! Zeit und Aufmerksamkeit sind wirklich wichtig und werden viel zu oft vernachlässigt. Die Idee mit dem Buch, das nicht warten kann, finde ich wirklich gut. Das führt einem die ganze Problematik wirklich vor Augen.
    Liebste Grüße

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für deine Worte! :) Irgendwie wäre das mit dem Buch echt interessant, wenn sie's wirklich gemacht hätten ... obwohl man natürlich eigentlich auch die Wahl haben sollte. Aber die Idee ist genial.

      Löschen
  6. Sehr schöner Text, liebe Mara ♥
    Deine Gedanken sind sehr interessant und ich stimme dir ihn so vielen Punkten zu. Ich finde es immer so traurig, wenn mir auffällt, wie viel Zeit ich eigentlich mit absolut unnötigen Sachen verbringe (z. B. zum 100000 Mal durch Facebook scrollen) und wie wenig Zeit mir dadurch für die schönen Dinge bleibt :(
    Und genau der Punkt mit dem Aufgeben, weil es zu lange dauert, kommt mir sehr bekannt vor und genau deshalb scheitere ich immer wieder an Klassikern. Außerdem fällt mir immer wieder auf, wie ungeduldig ich werde, wenn etwas gerade nicht nach Plan läuft und ich irgendwo länger warten muss (z. B. weil die U-Bahn eine Störung hat), weil ich dann ja erst später nach Hause komme und ich das Gefühl habe, mir würde noch mehr Zeit "gestohlen", dabei denke ich gar nicht daran, dass ich diese Wartezeit ja auch als Zeit für mich und meine Gedanken habe.
    Ich hoffe, es ist irgendwie verständlich ausgedrückt, was ich meine ^^

    Liebe Grüße
    Chrisi

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen lieben Dank! :)
      Ach ja, da gehöre ich leider auch dazu in letzter Zeit, und stolz bin ich nicht drauf - es gibt wirklich Schöneres als Facebook. Und ja, ich verstehe dich, ich ärgere mich auch oft, wenn ich schon wieder warten muss und habe auch schon ein paar Bücher aufgegeben, weil ich einfach nicht weiter gekommen bin. Vermutlich geht es uns da echt allen so aber immerhin; darüber nachdenken ist schon mal eine Schritt in die richtige Richtung. :)

      Löschen
  7. Glaub an dich selbst bzw. sei du selbst, etc. ist ja auch so ein Ausdruck der ja gerade in "The Hunger Games" neben Blut und Gewalt so thematisiert wird.

    Ich muss da auch an das hier denken: "Facebook, Instagram and Twitter are killing the Web" der Autor ist natürlich etwas nostalgisch in jeder Hinsicht, aber der "Stream" den er beschreibt, also die ständig Anwesenheit und Neuankunft von Informationen und Nachrichten ist tatsächlich das belastendste, was ich kenne. Ich folge ja ca. 50 Blogs auf meinem Reader und es ist manchmal heftig, wie viele neue Posts ich täglich serviert bekomme und schade, wie wenig davon dann tatsächlich interessant ist. Da aber trotzdem immer wieder interessante Artikel darunter sind, lasse ich sie dann doch in meinem Reader. Ich glaube, das Problem ist, dass wir Schwierigkeiten haben, die Informationen strenger zu selektieren und wirklich nur die wichtigsten Dinge zu lesen. Wenn ich mal auf Twitter bin, kostet es mich immer gleich eine halbe oder komplette Stunde, weil innerhalb der zehn Minuten in denen ich auf Twitter bin, gleich wieder zehn neue Tweets in meiner Timeline sind und ich dann nicht die Beherrschung habe einfach das Tab zu schließen und erst später wieder reinzuschauen. Und dann das Dilemma, zum einen die Links bei Twitter anzuklicken und tatsächlich sich die Zeit zu nehmen, und alles in Ruhe und aufmerksam durchzulesen -gleichzeitig tauchen in der Zeit, in der man liest schon wieder neue Nachrichten auf. An sich wäre das alles gar nicht so schlimm, wenn man einfach nicht wüsste, wie viele neue Nachrichten da schon wieder da sind. Wenn man selber entscheiden könnte, wann man auf "Refresh" drückt und die neuen Nachrichten auftauchen und nicht die blöde Programmierung des sozialen Netzwerkes das einem vorschreibt...

    Wenn man selber entscheidet, wann man guckt, welche Bücher es gibt, die man lesen möchte und wenn man auch mal in der Bibliothek mit den nicht ganz aktuellen Büchern guckt, statt in der Buchhandlung, wo es immer die neuesten Neuerscheinungen gibt, die der Buchmarkt jährlich in die Welt presst (Immerhin! Jährlich, vielleicht monatlich, aber nicht tagtäglich!)

    Ich glaube schon, dass wir Menschen eines Tages lernen, damit umzugehen, wir müssen es uns bloß so einrichten, dass wir nicht mehr unbedingt die neuesten Nachrichten haben müssen. So, dass wir nicht dass Gefühl haben, unbedingt was zu verpassen oder überhaupt: Das es ein Problem wäre, irgendetwas zu verpassen.

    Ich mische ja immer meine Bücherstapel. Früher hatte ich einen mit den dicken schwierigen Büchern, die ich mir aufsparen wollte für ruhiger Zeiten, aber anscheinend kommen diese ruhigeren Zeiten nicht mehr zurück. Der andere war mit den leichten Lektüren für zwischendrin, die man auch im Auto, im Zug oder in Schulpausen lesen kann. Die Konsequenz war, dass letzterer immer schnell weg war, aber auch immer sehr schnell wieder neu aufgefüllt wurde. Immer, was grade angesagt war, oder was ich mir aus der Jugendbuchabteilung der Bibliothek geholt habe. Die Bücher auf dem anderen Stapel, die ich jederzeit hätte lesen können, die aber ebensogut warten konnten, durften versauern. Stattdessen versuche ich inzwischen, so gut es geht, die beiden Stapel zu mischen und auch dan ein etwas schwierigeres Buch zu lesen, wenn ich gerade kaum Zeit habe. Funktioniert sogar einigermaßen, auch wenn leichte Lektüren anscheinend einfach immer schnell gewinnen. Auch beim Bücherkauf. Na, mal sehen. Man muss sich einfach immer wieder daran erinnern, dass es irgendwo noch Ruhe und Achtsamkeit geben muss. Letztendlich bin ich doch die ganze Zeit in Ruhe. Es sind Ferien, ich sitze allein in meinem Zimmer, draußen regnet es und ich habe alle Zeit der Welt. Ich muss mich eigentlich gar nicht gehetzt fühlen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wirklich interessanter Artikel - und schon wenn ich mir die Länge deines Kommentars ansehe, dann glaube ich, dass der Autor dir anerkennend zugenickt hätte.
      Man leidet echt unter diesem "Ich will nichts verpassen"-Syndrom. Mich kostet es auch oft Überwindung, Blogposts einfach wegzuklicken; eben weil ich weiß, dass da vielleicht ein, zwei hübsche Fotos sind, aber sonst nur Palaver, das mich gar nicht interessiert (und das ich früher trotzdem oft gelesen habe). Aber da ist so unglaublich viel, was man in dieser Zeit noch entdecken könnte, statt sich in diesen Stream zu werfen und mitzutreiben. Abgesehen vom Speicherplatz und der ganzen Überwachung ist das für mich auch ein Grund, warum ich mir die Facebook-App gar nicht runterladen will - man wird dauernd über irgendwelchen Mist benachrichtigt, der dann provokant in der Statusleiste rumlungert, nur, damit man mal wieder vorbei schaut. Ich glaube irgendwie, die Nachrichtenseite ist bewusst so schlecht designt - das könnten die besser, aber dieses winzige Schreibfenster nervt dermaßen, dass ich manchmal auch gern diesen Messenger runterladen würde.
      Bis mir klar wird, dass ich das wirklich nicht will. Der Artikel ist echt ein bisschen pathetisch, gerade, wenn man zu den Leuten gehört, die sich immer mal wieder durch verschiedene Blogs klicken, aber du hast wirklich recht: verpassen ist weniger problematisch, als es klingt, wenn man mal darüber nachdenkt, was man denn eigentlich verpasst. Bildchen, Flachwitze, lustige Videos. Da ist doch so viel mehr als das. Okay, ich gebe zu, gerade eben habe ich über Facebook ein Kunstprojekt von den Leuten aus meiner Heimatstadt gefunden, das war schon echt interessant und ich wäre sonst nicht drauf gestoßen, aber gleichzeitig habe ich auch mal eine Seite entliked - nicht mal, weil ich sie schlecht finde, sondern weil ich meine Zeit lieber sinnvoller verbringe.

      Das ist so schwer - da muss man echt eine Balance finden. Gerade jetzt muss ich für die Uni viele Bücher lesen, aber zwischendurch tue ich mir dann auch mal ganz normale Jugendliteratur oder sowas in der Art an und das tut verdammt gut. Und der Roman von meiner Mama war übrigens ziemlich gut und letztendlich einfacher zu lesen, als ich dachte - man muss es einfach mal probieren. Nächstes Projekt: Die Elenden? :D Ich glaube, das wird eine kleine Tortur, aber irgendwann möchte ich mir das wirklich mal anschauen.

      Ich glaube, das ist fast der schwerste Teil: Sich bewusst machen, dass wir die zeit haben. Und dann ist es oft ganz leicht.

      Löschen