Samstag, 13. Februar 2016

... schon alle zusammen am Ziel


»Und werden Sie über dieses Wochenende auf Ihrem Blog schreiben?«
Ich überlege kurz. »Ja, wahrscheinlich schon. Warum nicht?«
»Und worüber?«
Wieder halte ich einen Moment inne. »Über die Menschen. Ich würde über die Menschen schreiben, die ich getroffen habe.«

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass gerade dieses Gespräch mich nicht unbedingt ins beste Licht gerückt hat – und darum ging es. Zu den Besten der Besten der Besten zu gehören. Oder dass wir letztendlich alle zusammen viel mehr sind als die Punktzahlen, die wir bekommen haben.

Kurz vor den Prüfungen wollte ich eigentlich vorbildlich vor meinen Mitschriften sitzen, aber stattdessen stehe ich Freitagnachmittag an einer fremden Bushaltestelle und hebe verstohlen eine 1-Cent-Münze vom Boden auf. Glücksbringer brauche ich gerade so viele wie möglich.
Der Bus ist schrecklich voll, es ist laut, meine Musik macht mich nervös. Ich schalte um auf die Lieder, die ich schon seit Jahren auswendig kann und denke zurück an das Gespräch mit meiner Mama vor einer halben Stunde. Ich war so nervös gewesen und jetzt, so kurz vor dem Ziel, werde ich noch hibbeliger.
Ich laufe fast am Hotel vorbei und hole tief Luft, bevor ich die Tür öffne und den Schildern folge, um die Rezeption zu finden. Ein paar andere Studenten stehen vor einer Pinnwand und betrachten einige Tabellen. Zahlen, Namen, noch mehr Zahlen. »Ich glaube, ich schaue mir das nachher nochmal in Ruhe an«, sagt der Eine, geht zum Empfangstresen und holt sich seinen Schlüssel ab. Ich stelle mich ebenfalls an, schreibe mich in die Liste ein und begebe mich auf die Suche nach meinem Zimmer.
Meine Zimmernachbarin ist die kleine Blonde mit den kurzen Haaren. Und irgendwie habe ich dabei ein gutes Gefühl.
Beim Abendessen sitze ich nur mit Juristen am Tisch und ich bin mir jetzt schon sicher, dass ich hier noch einige mehr kennen lernen werde, nebst Medizinern und Naturwissenschaftlern. Wenn die ÖffRecht-Debatte für mich zu weit geht, lasse ich meinen Blick schweifen und betrachte die fast 50 Leute, die an Vierertischen eifrig diskutieren.
Info-Veranstaltung. Wie läuft das hier ab? Worauf solltet ihr achten? Und wer sind die Leute, die entscheiden, ob ihr über die nächsten sechs Semester finanzielle und ideelle Förderung erhalten werdet?
»Herzlich willkommen beim Auswahlseminar der Studienstiftung!«

Stipendium klang für mich immer unerreichbar; nach hochintelligenten Atomphysikern oder extrem engagierten Leuten, die jede freie Minute nutzen, um die Welt zu verbessern. Am ersten Abend war ich mir schon ziemlich sicher, dass das nur ein lächerlich kleiner Teil der Wahrheit ist.
Oh ja, die Geschichten, die einige der Studenten erzählt haben, sind wirklich unglaublich. So viel kann man erreichen in 18, 19, 20 Jahren und ich wüsste gern, warum mir eigentlich der Mut gefehlt hat. Wie sie nur auf diese Idee kam und woher er das schon wieder weiß.
Aber gerade das macht es für mich so traurig, dass ich nicht einmal 48 Stunden Zeit hatte, um mit all diesen Menschen zu reden. Zu diskutieren, über die Welt und uns, herumwitzeln über die Zukunft Deutschlands – »Das sind dann wohl wir!« – und seltsame Paragraphen. Ich vermisse es, wie wir total geschafft auf unseren Betten lagen und prophezeiten, dass wir eine Absage bekommen werden und wer am Ende zu den 25% gehören wird, die durchkommen. Ich spüre jetzt schon, dass mir die ideelle Unterstützung viel mehr am Herzen gelegen hätte als die finanzielle; was ist Geld, wenn du Sommerakademien haben könntest und Seminare mit Leuten, die genau so wissensdurstig und lebenshungrig sind, irgendwie so wie du und dabei ganz anders – also genau richtig? Ich würde so gern wieder durch den Vorort streifen und nach einer halben Stunde diese verkommene Bar finden, am Stammtisch sitzen und so lange lachen, bis mir die Tränen kommen. Auch wenn wir letztendlich verschiedene Briefe bekommen, in diesem Moment waren wir schon alle zusammen am Ziel – wenn auch an einem anderen.


Aber jetzt sitze ich zu Hause. Die letzten Definitionen schwirren durch meinen Kopf, die Prüfungen sind fast alle geschrieben und ich scrolle nochmal durch die Facebook-Gruppe, zu der ich gleich am Sonntag hinzugefügt wurde.
Kaum bin ich eine Stunde daheim, schon vermisse ich die anregenden Gespräche, den intellektuellen (und zuweilen auch weniger intellektuellen) Austausch, die freundliche, offene Atmosphäre … mit einem Wort: euch!
Ich seufze. Ja, da hat er recht. Ich vermisse euch auch. Kann sein, dass ich in diesem Einzelgespräch viel mehr hätte sagen können, dass meine Antworten irgendwie verdreht und verträumt waren, aber mit einer lag ich richtig: »Über die Menschen. Ich würde über die Menschen schreiben, die ich getroffen habe.«

Und vielleicht reicht das.

Kommentare:

  1. deine texte sind immer so schön geschrieben, man kann sich total reinversetzen und haben diese anziehungskraft, dass man nicht aufhören will zu lesen. mir geht es jedenfalls so. wollte ich mal gesagt haben ♥

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    1. Vielen, vielen Dank, Lilly! :) Gerade der Text lag eine Weile still, aber im Endeffekt wollte ich ihn doch veröffentlichen - gut, dass ich's getan habe.

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  2. Ich finde auch, dass deine Texte immer so schön und wunderbar geschrieben sind.. Man merkt einfach wie viel Mühe du dir immer gibst die richtigen Worte zu finden und es gelingt dir wirklich immer sehr gut! Ich freu mich immer, wenn ein neuer Post von dir online kommt! :)

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    1. Dankeschön, liebe Nadja! Du gehörst auch definitiv zu den Leuten, die ich in den Kommentaren schon wieder erkenne, weil sie immer so wunderbare Worte hier lassen. :)

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  3. Hallo Märchenkind! Gerade erst habe ich dich entdeckt - wie konntest du mir entgehen? Du bist wunderbar und deine Worte fesseln und wenn ich dich lese, dann denke ich bloß MEHR, MEHR, MEHR von dir. Ich bleibe dran. Ganz unbedingt.
    kleingeistreich

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    1. Tja, das weiß ich auch nicht - aber freut mich, dass du hier gelandet bist! :D Und vielen, vielen Dank, ich bemühe mich, dass in nächster Zeit wieder mehr kommt, jetzt, wo ich fast Semesterferien habe. :)

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  4. Mal wieder ein wahnsinnig schöner Post, liebe Mara ♥ Du schreibst wirklich unglaublich schön ♥
    Wurdest du denn nun bei der Stiftung genommen? :)

    Liebe Grüße
    Chrisi

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    1. Vielen lieben Dank! :) Bis jetzt habe ich noch keine Antwort bekommen (es sei denn, sie ist vorhin gekommen, bis jetzt war ich noch nicht am Briefkasten). Ich rechne zwar nicht mit einer Zusage, aber immerhin hatte ich ein fabelhaftes Wochenende!

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  5. Hallo liebe Mara,
    mir will noch immer nichts geistreiches einfallen. Das hält mich natürlich nicht davon ab, trotzdem einen Kommentar zu schreiben.
    Ich hoffe du bekommst die finazielle Unterstützung, immer die finanzielle.
    Was bekommst du bei der ideellen Unterstützung?
    Leute mit kleinen Fähnchen, die dich morgens auf dem Weg zur Vorlesung jubelnd begleiten?
    Obwohl, hat auch was.
    Ich glaube man denkt immer, man hätte mehr sagen können.
    Zur Sicherheit sende ich dir den Rest vom Glücksklee den ich noch nicht gegessen habe, ein paar Hufeisen (nicht vergessen, richtig herum aufhängen/hinstellen)und sowieso und überhaupt natürlich alle guten Wünsche..alles Gute und viel Glück und so..
    Bis bald,
    Silver<~

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    1. Macht nichts - ich meine, was wäre ein Märchenkind-Post ohne Silver-Kommentar? Abgesehen davon ist geistreich ein sehr freies Wort, ich meine, wenn man mal "Geist" im Sinne von "Seele" oder "Persönlichkeit" sieht, dann sind deine Kommentare ohnehin immer sehr geistreich, egal was du schreibst.
      Was ich sagen wollte: ich mag deinen Kommentar. Sowieso.
      Die ideelle Förderung sind Seminare, Sommerakademien, Leute treffen, Zeugs diskutieren ... ich meine, ich kann ganz offen sagen, dass ich selten Tagessschau gucke und die FAZ-App auch eher dekorativ auf meinem Handy ist, aber es geht auch gar nicht immer um Allgemeinwissen, sondern auch um Meinungen und alles ... aber finanziell ist natürlich auch immer super, kann man gebrauchen als armer Student, der auf jeden Pfennig schaut.^^ Und solche Motivationsleute könnte ich echt gebrauchen, vor allem für 8-Uhr-Kurse. "Los, Mara, super! Um halb sieben aufgestanden, great job! Du schaffst das mit links!"
      Abgesehen davon, dass mich dann alle komisch ansehen. Aber sonst ...
      Danke! :) Ich zwinge mich gerade dazu, es realistisch zu sehen, aber Glücksklee ist prima - ja, den hab ich übrigens gesehen - und Hufeisen habe ich hier auch noch keins, ich überlege gerade, ob ich eins malen und mir an die Fotowand kleben soll ... richtig rum, na klar!
      <^

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  6. So kam ich mir bei den Jugendmedientagen vor: Lauter Politikstudenten und Schülerzeitungsredakteure und wasnoch, die alle viel mehr Einblick in die Medienwelt haben als ich, aber ich muss mich auch dran erinnern, dass diese Menschen auch in Hamburg leben, wo der Zugang leichter ist. Wenn ich denke, was Felix von Plant for the Planet mit Dreizehn Jahren angefangen hat und wie wenig ich mit meinem Kram weitergekommen bin, in all den Jahren. Und Christopher Paolini hat mit Fünfzehn sein erstes Buch geschrieben.
    Aber man muss sich immer daran erinnern, dass der eigene Lebensweg einzigartig ist und nicht vergleichbar mit anderen. Eragon ist kein geniales Werk. Felix wird es schwierig haben, jemals irgendetwas anderes zu machen, als Bäume zu pflanzen und hatte nie die Ruhe, die ich in meiner Pubertät genießen konnte.

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  7. Ups, da habe ich gerade etwas abgeschickt, was noch nicht zu Ende war. Wo war ich eigentlich?
    Man muss nicht unbedingt als allererster durchstarten. Vielleicht hat es auch Vorteile, Ideen reifen zu lassen, solange man sie dann wirklich umsetzt. Langsames gedeihen ist nicht schlecht, solange es nicht vollständig abgebremst wird.

    Und überhaupt, es ist nicht so, dass ich noch nichts erreicht hätte. Ich führe einen Blog, war immerhin bei den Jugendmedientagen dabei und habe eine Podiumsdiskussion mit Bundestagsabgeordneten moderiert. Mir kommt es wie verwehtes Nichts vor, im Vergleich zu all dem Anderen, aber am Ende ist es ETWAS und das vergisst man. Du bist dafür mit deinem Schulchor durch die Welt gereist, das haben wir nie hingekriegt und vielleicht hast du noch andere Dinge getan, bei denen dir gar nicht bewusst war, wie besonders sie waren.

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    1. Hört sich ziemlich ähnlich. Die haben alle furchtbar viel Ahnung und tun und machen und man fühlt sich wie so ein frisch geschlüpftes Küken.
      Von diesem Felix hab sogar ich mal gehört und Paolini ... tja, meine Chance, mit 15 sowas Erfolgreiches zu veröffentlichen, ist dann wohl schon weg. Hab ja trotzdem noch ein ganzes Leben übrig.
      Aber stimmt, da hast du auch recht. Ich meine, das sind wirklich bewundernswerte Menschen, die verdammt viel Energie und Engagement haben, aber perfekt sind sie eben auch nicht und das ist nicht der einzige Weg, um etwas aus seinem Leben zu machen. Wie gesagt, man muss ja nicht direkt mit 13 oder 15 durchstarten.
      Ich finde, das klingt schon mal definitiv ziemlich fabelhaft! Man vergisst manchmal zu schnell, was man eigentlich erreicht hat, nur weil andere Leute andere Dinge getan haben, die man selbst nicht erreicht hat ... man muss ja nicht gleichzeitig den Nobelpreis für Physik und den Pulitzerpreis kriegen.
      Ich glaube, ich sollte mal eine Liste machen mit den Dingen, auf die ich stolz bin. Zum Lesen für schlechte Tage. Sollte eigentlich jeder mal machen.

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