Dienstag, 8. März 2016

»Du bist zu jung.«


»Diese 2000'er Kinder ... weißt du, was ne Kassette ist?«
Ich schlucke. Nicht nur, weil man mich mal wieder vorschnell beurteilt hat; ganz so jung bin ich auch nicht, und ich hatte auch meinen Ärger mit den Bändern in Kassetten.
Es ärgert mich auch, dass man sich herausnimmt, so herumzutönen. Die Plattform ist anonym und ich frage mich, wie alt die Person wohl sein mag, die sich jetzt so erhaben fühlt. Und warum? Wegen der gloriosen Lebenserfahrungen von vor 20 Jahren, als er oder sie auf wackeligen Beinchen über den Spielplatz gestolpert ist?


Ich mag diese Arroganz nicht.
Wenn wir vergessen, dass wir auch mal so jung waren und dachten, das sei die Zeit unseres Lebens. Haben ein bisschen die Großen bewundert, ehe sie sich über uns lustig machten und wir auf unsere eigene Weise lebten.
Jetzt lachen wir selbst über die dreizehnjährigen Mädchen, die vor Liebeskummer weinend auf dem Bett liegen und verdrängen, dass wir das selbst waren.
Und ich konnte auch mit diesen Facebook-Posts à la »Wenn du das nicht kennst, bist du zu jung« noch nie etwas anfangen, selbst wenn ich einige der Dinge kannte. Zu jung? Um die große weite Welt zu verstehen? Hat man verspielt, wenn man fünf Jahre später auf die Welt gekommen ist als du und jetzt nicht mehr in dein perfektes Bild von Kindheit passt?

Was willst du denn eigentlich? Dich toll fühlen, weil du diese Fernsehserie noch geschaut hast, gleichzeitig lästern, dass die älteren Generationen dein Lebensgefühl doch sowieso nicht verstehen und sich über die Kids beschweren, die mit Smartphone rumrennen, statt sich Baumhäuser zu bauen? »So, wie wir das gemacht haben, wir hatten noch eine ordentliche, schöne Kindheit.«
Und, hast du mal nachgefragt? Ich finde, die sehen nicht unbedingt traurig aus. Und wann warst du denn eigentlich das letzte Mal im Wald, um zu schauen, wie viele Räuberhöhlen du findest? Ach, nein, ich vergaß. Du bist ja jetzt nach deinen Maßstäben alt genug, um nach der Klausurenphase den ganzen Tag im Bett zu liegen, um auf anonymen Plattformen zu haten. 'tschuldigung.

Geben wir das weiter, dieses »Ich bin besser und weltgewandter, weil ich das damals noch erlebt habe«? Wir lachen über die guten alten Zeiten der anderen und beharren dabei auf unseren eigenen, als wäre das alles ein Wettbewerb. Die verstehen das doch eh nicht, lass mal. Die sind zu jung.

Ja. Und? Ich bin auch immer die jüngste und es geht mir auf den Keks, dass zwischen all den fabelhaften Leuten, denen das egal ist, immer noch vereinzelte Personen sind, die sich für etwas Besseres halten, die nach Jahren beurteilen und blind für die Dinge sind, die Kinder lernen, die erst 2005 geboren wurden. Was macht das schon aus, dass die ihre Musik über Soundcloud hören und sich CDs kaufen statt Kassetten? Wo ist da der große Unterschied? Wieso soll eins von beiden besser sein?


Es ist doch eigentlich lächerlich, sich für solche Dinge zu rühmen und die Nase ein Stück höher zu recken, nur weil man ein paar Jahre mehr Zeit hatte, um zu leben und zu entdecken. So ein Generationsgefühl ist nicht unbedingt etwas Schlechtes, aber akzeptieren und voneinander lernen hat in solchen Fällen auch selten geschadet, oder nicht?
Immerhin: Irgendwann sind wir die Generation, die sich von den jüngeren Leuten neue Technologien erklären lassen muss. Vielleicht sollten wir lieber jetzt schon mal damit anfangen, nett zu sein.


Kommentare:

  1. Mal wieder erfolgreich herumgestalkt^^
    Ach wie nervig das alles..glaube mir, ich weiß wovon du schreibst, durfte ich doch mit zwei älteren Geschwistern aufwachsen und mich von ihnen und ihren ach so erwachsenen Freunden belächeln lassen.
    Ich wusste auch nicht, dass sie alles schon von Geburt an kannten, sei es Fremdworte, Filme, Schriftsteller oder schlicht Erfahrungen.
    Ich glaube jede Generation hat ihre Vor und Nachteile, wer sagt denn, das heutzutage kein Kind mehr Baumhäuser baut? Sie haben nur heute noch zusätzlich die Möglichkeit ihr Werk auf Instagram zu teilen.. oder Facebook.
    Und mal ehrlich..Kassetten? Wer auf Bandsalat steht weil sich das Teil zum x-ten mal im Kassettenrekorder verheddert, bitte.
    Und wie wir schon mal schrieben, es gibt 18jährige, die wie 180 wirken und 80jährige, die im Herzen und Geiste 18 sind.
    Nach dem Alter zu urteilen ist immer schlecht.
    Voneinander lernen und aufgeschlossen sein, bringt einen das nicht weiter als zu glauben, so wie man selber ist, das ist das einzig Richtige?
    Toller Post, Märchenmara, und es ist ganz gleich in welchem Jahr du auf diese Welt geschmissen wurdest.
    Oh, ist gerade eine Mail von dir eingetrudelt, Newsletter per Post wäre doch auch echt doof;)
    Ich bin eh schneller.
    Bis bald,
    Silver<🙂


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    1. Mal wieder viel zu spät geantwortet. Maaann, das wäre mal ein sinnvoller Vorsatz für dieses Jahr gewesen, pardon. Obwohl man die ja eh nie einhält.
      Stimmt eben - wir lernen doch alle immer noch dazu und wenn man über sein eigenes 13-jähriges Ich lachen kann, meinetwegen, aber dann muss man nicht auf anderen herumhacken, nur weil die jetzt irgendwelche Möglichkeiten haben, die es früher nicht gab und die auch nutzen und irgendwas Anderes dann kürzer kommt. Und ich hab meinen iPod wirklich lieb, ich meine, selbst so ein Discman ist ein bissel unhandlich und mit Kassetten ist man zwar sehr retro und kann sich in die guten alten Zeiten hineinfühlen, aber da hören die Vorteile auch langsam auf.
      Ich hoffe mal, das stimmt so - ach Gott, das klingt wie dieses Lied, das wir immer in der Grundschule gesungen haben: "Aufstehen, aufeinander zu gehen, voneinander lernen, miteinander umzugehen." Das haben die mir wohl erfolgreich in den Kopf gepflanzt, hoffentlich bringt es auch was.
      Danke. :) Ach ja, aber ich gebe nicht auf, irgendwann schicke ich dir mal eine Postkarte, ehe du den neuen Post gesehen hast! ε> (Das habe ich mir weniger hässlicher vorgstellt mit dem Epsilon ... naja.)

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  2. Toller, toller Text! Das ist so schön geschrieben, du hast das so auf den Punkt gebracht, danke dafür!

    einen schönen sonnigen Tag dir!
    allerliebst,
    Lynni
    von merlesnorden.blogspot // merlesnorden.tumblr

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  3. "Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer."
    Das soll Sokrates zumindest angeblich einmal gesagt haben.

    Ja, passt vielleicht nicht ganz zu dem, was du aussagen willst, irgendwie aber doch.
    Mich stört diese Arroganz einiger Leute, was das angeht, auch sehr. Vor allem stört mich oft dieses Gerede, dass alle Kinder ja heute nur noch am Handy hängen und jeder zehnjährige schon Instagram hat und was weiß ich, schließlich verändert sich die Lebenswelt immer wieder und heute ist es nun mal normal, viel am Handy zu sein.
    Und seien wir doch mal ehrlich, als wir klein waren, haben wir doch auch nicht nur Baumhäuser gebaut und draußen fangen gespielt, sondern uns auch um den Gameboy gestritten oder am Wochenende den ganzen Morgen lang vor'm Fernseher gesessen. Ist das viel besser? Wohl kaum.

    Ich habe immer das Gefühl, viele, die so auf einen herabblicken, denken gar nicht daran, wie sie selbst einmal waren, sondern haben nur dieses Bild einer Bilderbuchkindheit vor Augen und meinen, jeder müsste diese Kindheit haben. Dabei hatten sie sie ja selbst wohl kaum genauso.

    Liebe Grüße
    Chrisi

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    1. Ach ja, das Zitat kenne ich - und die ungläubigen Gesichter derer, die es zum ersten Mal hören und nicht ganz glauben wollen, dass das schon so lang her ist.
      Ich stimme dir da vollkommen zu. Auch wenn dann wieder gesagt wird, dass die guten alten Gameboys ja viel toller waren und was weiß ich - nö. Da wollte man doch auch immer die neusten Gameboys und Spiele haben, kein großer Unterschied zu heute. Und wir hatten alle irgendwo unsere Macken und vergessen so schnell, dass nichts perfekt ist und dass wir selbst noch so viel zu lernen haben. Mit einem Lächeln kommt man ohnehin meist weiter als mit abfälligen Sprüchen.

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  4. Toller Post und richtig gut geschrieben! Mich würde interessieren wie alt du bist? Ich gehöre noch zu den 90's Kids und finde interessant wie du es aus deiner Sicht beschreibst :-)
    Liebe Grüße
    janaahoppe.blogspot.de

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    1. Dankeschön! :) Ich wurde 1998 geboren - also doch eher ziemlich am Ende, aber ich finde echt, dass das alles im Endeffekt nicht zu ernst genommen werden sollte.

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  5. Man hat auch Vorteile, später geboren zu werden. Höhere Lebenserwartung. Künftige Technik, die man heute höchstens erahnt.
    Nachteile: Kein Spaß mit der Rente und blöde Kommentare im Internet, die aber in Wahrheit bedeutungslos sind. Wir wissen auch nicht mehr viel über das Leben vor hundert oder tausend Jahren, da sind die Zehn Jahre die vor meiner Geburt waren nicht so gewichtig.

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    1. So kann man's allerdings auch sehen. Obwohl ich ja irgendwie das Gefühl habe, dass wir alle keinen Spaß haben werden an der Rente ... sollte man vielleicht doch mal drüber nachdenken, vier frische Kinder in die Welt zu setzen.
      Und das stimmt. :)

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