Sonntag, 8. Mai 2016

Eigentlich immer


So ganz einfach hatte man es nicht mit mir. Ich war immer der kleine Teufelsbraten, das trotzige Mittelkind, hab rumgezankt, geschrieen und getobt wegen Nichtigkeiten, war immer streitlustig. Vor Hausarbeit drücken konnte ich mich gut, quengeln und betteln ging immer.
Ich meine, ich war nicht das personifizierte Böse, aber meine Schwestern und Eltern hätten vermutlich nicht lange überlegen müssen, um zu entscheiden, wer am besten nerven kann. Und das war auch nicht immer so – meine Mama meinte mal, ich sei von Geburt an in der Pubertät gewesen und mit 12 hätte es dann so langsam aufgehört, also war ich immerhin ein halbwegs umgänglicher Teenager. Oder bin es rein theoretisch immer noch.


Aber ein bisschen anstrengend war ich schon.
Und gerade deswegen weiß ich es gerade sehr zu schätzen, wie viel Mühe sich meine Eltern gegeben haben, um irgendetwas Vernünftiges aus diesem tobenden Schreihals zu machen.


Eigentlich ist es ja immer schade, wenn man extra irgendwelche festgelegten Tage braucht, um sich nette Dinge zu sagen oder Geschenke zu verteilen, aber andererseits ist diese Woche voll mit Vater- und Muttertag ein schöner Anlass, um mal über all das nachzudenken und danke zu sagen. Auch wenn man es nicht immer ganz leicht hatte, aber man denkt viel zu oft nur an die negativen Dinge.

Nein, Mama, bei dem Kleid »sieht man nicht meine Gebärmutter« und ich bin noch ziemlich weit von der Kante entfernt, glaubst du, ich hechte jetzt einen Meter nach vorne und stürze mich in die Tiefe? (Ist ein bisschen ironisch mit den Fensterfotos, ich weiß. Aber keine Sorge, Mama, es sitzt sich da gut und ich hab ja keine Höhenangst.)
Und meine Güte, Papa, gib mir drei Sekunden, um dieses Segel zu entheddern, ich steh ja gleich auf und jaja, ich setz' mich gerade hin.


Aber das sind eben auch nur die kleinen Patzer und nichts im Vergleich zu den vielen wunderbaren Augenblicken und all dem Aufwand, der so entsteht, wenn man ein Kind groß zieht. Und nur, weil ich jetzt ausgezogen bin, ist das alles noch längst nicht vorbei; es gibt noch so unglaublich viele Dinge, bei denen ich Hilfe brauche und genau weiß, wen ich anrufen muss.


Ich habe letztes Jahr angegeben, dass meine Mutter mich inspiriert, und das stimmt auch irgendwie. Weil sie das beste lebende Beispiel ist, dass man sich auch als Kreative durchboxen kann und ich glaube, nach vielen Umentscheidungen hat mir das letztendlich geholfen, mich für ein Sprach- und Literaturstudium zu bewerben.

Und ich glaube, ohne meinen Vater würden mir so viele kleine Dinge fehlen, die einem das ganze Leben lang nützen – Papa weiß alles, und wenn nicht, dann wird es nachgeschaut und man kriegt drei Wochen später eine Antwort, wenn man die Frage schon wieder vergessen hat. Ansonsten wüsste ich jetzt nicht, wie man optimal Milch-Tetrapacks auskippt oder das perfekte Spiegelei brät, wie Online-Banking funktioniert oder Segeln, und außerdem würde ich hier in einem IKEA-Schrotthaufen sitzen und nicht in einem fabelhaftem Zimmer.


Und eigentlich will ich jetzt auch gar nicht mehr viel reden, weil das Wichtigste schon fast gesagt ist: Ich wäre nicht da, wo ich jetzt bin, wenn meine Eltern mich nicht unermüdlich in die richtige Richtung geschubst hätten. Auch wenn ich immer wieder ausgerissen bin, inzwischen hat sich alles ausgezahlt und ich weiß jetzt, dass ich so unglaublich viel Glück habe mit meiner Familie, dass ich eigentlich umso öfter daran denken sollte.
Nicht nur in dieser Woche Anfang Mai. Eigentlich immer.

Kommentare:

  1. So wahre Gedanken die du da äußerst, ich finde auch man sollte seinen Eltern viel öfter danken, als nur an diesem einen speziellen Tag. Schließlich tuen sie so viel für einen und opfern auch so viel Freizeit, Nerven, Geld und Schlaf für einen, dass man es ihnen schuldig ist, einfach mal "Danke" zu sagen, in welcher Form auch immer.
    Deine Bilder passen so gut zu deinem Text und sehen richtig hübsch aus. :)

    Liebe Grüße Pierre

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    1. Vielen Dank! (:
      Gerade jetzt, wo ich wirklich schon fast 8 Monate außer Haus bin, fällt mir auf, dass ich eigentlich viel öfter mal anrufen sollte, um mich zu bedanken für die vielen kleinen Dinge und um generell mal zu erzählen und zu hören, was so passiert ... Hab ich dann aber auch getan, immerhin. :)

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  2. Toll, schön verpackt in lieben Worten, willst du darauf hinweisen dass man die Eltern mehr Dankbarkeit geben sollte. Aber im Alltagsstress vergesse ich oft meine Dankbarkeit auszudrücken, deswegen finde ich ein Tag/ ein Beitrag ganz gut zur Erinnerung

    Die eine in der Masse

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    1. Vielen lieben Dank. :)
      Ja, das ist leider so, ich merke gerade in letzter Zeit, dass ich einige Dinge vernachlässige, die mir eigentlich wichtig sind - schon dass ich das hier zehn Tage später erst beantworte tut mir leid. Klar hätte sich mal eine Minute gefunden, aber es gibt so Zeiten, da funktioniert das nicht so einfach und da muss man wirklich aufpassen, dass wenigstens die liebsten Menschen nicht zu kurz kommen.

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