Samstag, 2. Juli 2016

Kunstgestalten


Das ist alles wie ein schöner Schein. Wir malen uns, so wie wir sein wollen, und das ist gut so.
Dann sei doch, wer du willst!
Ich sehe Menschen, höre ihre Geschichten und denke unwillkürlich an Genies. Sie sind schillernde, verzerrte Kunstwerke, die ich sicher nicht bewundere – aber sie faszinieren mich, weil sie so unwirklich und doch real sind. Ihr Anker der Normalität kann sie kaum noch halten, so sehr reißt das Leben an ihnen, eines, das ich noch nicht kennen gelernt habe und das mir nicht ganz geheuer ist. Sie driften ab, in bunte Fassaden, versteckte Winkel, Drogen, weil die Welt manchen von uns nicht alles geben kann.

Jeder inszeniert sich. Wir wollen alle jemand sein.
Nicht alle haben den Mut dazu. Einige suchen Einfachheit, sind zufrieden damit, nicht aufzufallen, und wir bemerken sie kaum. Wir sehen meistens nur die Paradiesvögel, die selten im Paradies leben, denen es nichts ausmacht, gesehen zu werden, oder die gesehen werden wollen. Vielleicht beides.

Es ist, als würden sie all ihr Licht auf einmal ausstrahlen und ich frage mich, was nach diesen Tagen von ihnen übrig bleibt. Ob sie eigentlich dort sind, wo sie hinwollen oder einfach viel verzweifelter suchen als wir anderen. Vielleicht wissen sie nicht, wo ihr Platz ist, vielleicht ist er nicht in Reichweite, vielleicht finden sie ihn nie in dieser Welt und irren immer weiter. Leben den Traum so vieler andere Menschen, zucken die Achseln und spüren noch ein Brennen in der Brust, weil es nicht ihre eigene Vision ist. Das hat sich so ergeben auf der langen Wanderung, sie sind irgendwie anders geworden und dadurch besonders für unsere neugierigen Augen – aber ob das ihre Absicht war? Das kann ich nicht sagen.

Wir bewundern andere Menschen, ohne ihre Geschichten zu kennen. Wir haben Vorbilder und wissen oft nicht, wie es sich wirklich anfühlen würde, ihnen zu folgen. Wir träumen von den schönen Fassaden, hören ihr glockenhelles Lachen und die süßen Worte, und wir wollen auch so werden. Das muss es sein; sich einfach verwirklichen. Dieses pure Glück, diese unerschöpfliche Liebe, dieses Leben! Und wir ihre grauen Schatten, so gewöhnlich, mit ein paar Eigenarten, die keiner bemerkt, gerade genug, um jemand zu sein, aber auch nur einer von vielen.

Aber tausend Farben an deinem Körper machen letztendlich nicht mehr aus dir als eine einzige. Wir sind doch alle gleich, auch, wenn wir von außen so anders wirken.


Dann sei doch, wer du willst!
Das ist so leicht gesagt.
Aber lass es uns versuchen; wir können uns verkleiden und nach einer Weile vergessen, dass das unser Normal überschreitet, wir können lauter lachen, leiser lächeln, wilder tanzen und uns dabei gegenseitig verzaubern.
Nur wir selbst, mehr braucht es nicht.










Inspiriert von einem Paradiesvogel. Ich wünsche ihm wirklich, dass er weiterfliegt, ohne sich die Flügel zu brechen.


Kommentare:

  1. Hallo liebes Honigsommerschimmerkind.
    Ich kann gar nicht viel sagen.
    Das ist einfach ein schöner und wahrer Text und wir können uns glücklich schätzen, uns und unser Leben so zu gestalten, wie wir es wollen.
    Ich finde, es muss nicht immer schillernd und aufregend sein, auch nicht bunt und flauschig. Ich bin dafür, dass man man selbst ist aber in der besten Version.
    Alles, was krampfhaft herbeigeführt wird, ist nicht echt und das kann einem auf Dauer auch kein Glück bescheren.
    Wenn man ein blinkender Zuckerwatteball ist, bitte, kann man auch so herumlaufen.
    Aber ich als z.B. Lakritzschnecke, sehe in rosa-fluffigen Gewändern unecht aus.
    Jetzt sind wir schon bei Lebensmittel-Metaphern angelangt.
    Ist es schon eine Metapher oder nur ein Vergleich?
    Also, eben 'nur wir selbst, mehr braucht es nicht'.
    Das klingt schön.

    Und ganz entfernt musste ich an 'Fassaden' denken..jaja, lang ist's her.
    Die Bilder sind schön, kannst du ein paar dieser speziellen Sonnenstrahlen rüberschicken?
    Dieses Licht ist einfach toll!

    Allerherzlichste Silberscheingrüße aus Detroit, von mir selbst und Silver^^

    Bis bald!
    <☃(mir ist gerade so)

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    1. Hallo Silberwinternebelkind (Winter eigentlich auch nur, weil das schön zu Nebel und Silber passt und da mal meintest, du magst Hitze nicht),
      Ich bedanke mich zuerst, ich dachte schon, dieser Post bliebe auf ewig unkommentiert und das war es dann langsam mit meiner Bloggerkarriere. Oder ich behalte demnächst sehr abstrakte Posts für mich. Mal sehen.

      Stimmt allerdings. Bunt ist nicht besser. Beziehungsweise, jeder hat seinen Geschmack, ich finde Zuckerwatte toller als Lakritze (nicht metaphorisch gesehen, du bist eine wundervolle Lakritze - ich wäre für Metapher, weil 'ist' und nicht 'als ob'. Weiß ich aber auch nicht genau. #justgermanistikthings #nixgelerntbisjetzt? #doch) (Ich merke gerade beim Drüberlesen, ich hab den Satz vor der Klammer gar nicht beendet. War auch das Meiste gesagt.)
      Es ist sogar schön. Wir reichen uns doch. <3

      Oh, und stimmt. Ich hab's gerade nochmal gelesen (und finde es auch immer noch schön! "[...] dem unendlichen lichtlosen Schlot der Unmenschlichkeit. Und doch ist es so menschlich zugleich.") aber ich konnte mich nicht mehr wirklich dran erinnern - also, nicht als wollte ich mich hier verteidigen, weil du mir irgendwas unterstellst, ich finde es gerade eher total interessant, dass so ähnliche Sachen rausgekommen sind ... ein bisschen anders, aber vom Kern her gleich.

      Ach ja. Immer dieser Maskenball namens Leben.

      Würde ich vorbei schicken. Nun ist's hier auch schon kurz vor Mitternacht und so dunkel, wie es in Berlin eben wird, aber von den Bildern kannst du dir was Mitnehmen.

      Eines Tages, spätestens nächsten Donnerstag wenn ich meine letzte Klausur geschrieben habe, kommt eine Mail. Spätestens. Ich geb' mir Mühe.

      <o (Eis geht halt immer. Schoko-Karamell natürlich. Vorhin erst gekauft.)

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  2. Hey,

    fände es sehr schade, wenn du demnächst solche Posts für dich behalten würdest, denn ich mag solche Posts gerne.
    Ich schaue auch immer mal wieder auf deinem Blog vorbei, nur bin ich manchmal eher die Sorte "stiller Leser", also eben ohne kommentieren.
    Diesmal dann aber doch, denn eigentlich ist es ja sowieso schade, wenn man seine Gedanken immer für sich behält.
    Ich finde, dass man nicht dauernd so eine..."Maske" tragen sollte. Leider ist das natürlich nicht so einfach, aber zum Beispiel in der Familie kann man so sein, wie man eben wirklich ist, finde ich. Manchmal ist es aber auch schwieig, man selbst zu sein. Mir geht es zum Beispiel so, dass ich eher still bin, wenn ich mit Menschen zusammen bin, die ich noch nicht so gut kenne. Dann höre ich lieber zu. Wenn ich dann aber immer so neutral schaue, also ganz normal - denke ich zumindest - dann wirkt das für andere immer ganz anders. Was für mich einfach ein normaler Gesichtsausdruck ist, sieht von außen arrogant aus. Obwohl ich dafür ja gar nichts kann... Deswegen zum Thema Masken. In solchen Momenten setze ich dann schon ein bisschen so eine "Maske" auf, um nicht so unnahbar und überheblich, sondern eher freundlich zu wirken.
    Ich finde deinen Text sehr schön geschrieben und finde auch die Bilder und das Outfit sehr passend dazu =)
    Grüße Leanna

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    1. Das freut mich. :) So ganz ernst meine ich das auch nicht, ich mache das ja auch nicht nur für Leser, sondern auch für mich, und wenn ich meine Gedanken irgendwie ordnen will, dann mache ich das eben. Obwohl jeder einzelne Kommentar es dann natürlich noch schöner macht. (Aber bei vielen Blogs lese ich auch nur leise mit, gerade in den letzten Monaten, also von daher ...)
      Kommt vermutlich auch immer auf die Familie an, aber stimmt; mit meiner kleinen Schwester tanze ich durchs Wohnzimmer und wir grölen schief König der Löwen, wenn mein Freund seine Gitarre raus holt, singe ich nur ordentlich und ganz leise mit. Familie ist was Feines. :D
      Obwohl ich glaube, dass es für manche Menschen eben gar keine Maske ist sondern ihr normales Leben. Die sind eben so bunt und verrückt und müssen sich dafür gar keine große Mühe geben. Das mit dem Missverständnis kenne ich aber auch, eine Freundin von mir wird dauernd gefragt, ob sie angepisst ist - nein, so sieht sie halt aus, wenn sie neutral schaut. Und ich glaube, in meinem alten Chor könnten die Leute auch gedacht haben, ich sei arrogant, weil ich meistens stumm für mich allein saß, dabei wusste ich bloß nicht, wie ich mich in so eine eingeschweißte Gruppe integrieren soll. So leicht ist das manchmal nicht.
      Tja, das schweift jetzt irgendwie ab, aber danke für deine Gedanken zum Post! :)

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  3. Wir wirken sicher oft auch auf andere wie Paradiesvögel, ohne es zu merken. So unwirklich... andere haben dann Bilder von uns, die sich gar nicht mit der Realität decken. Das nimmt manchmal sehr bizarre Züge an.

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    1. Das stimmt wohl ... was weiß man schon, wie andere Leute einen sehen? Entweder total verzerrt oder sogar realistisch. Für sie ist vielleicht etwas extrem, was für einen selbst normal ist. Jeder achtet ja auf andere Dinge, vermutlich sind wir in irgendjemandes Augen immer ein Paradiesvogel.

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