Sonntag, 28. August 2016

Die alten Honigsommertage



Ein Text aus den ersten Juli-Tagen

Summer. »Days dripping away like honey off a spoon.«
Wallace Stegner

So glücklich ich im Moment auch bin; manchmal wäre ich gern ein Jahr zurückversetzt. Das Mädchen von damals, gerade Abi gemacht, zurückgekehrt von der letzten gemeinsamen Fahrt nach Kroatien, noch euphorisch vom spektakulären Ende und begierig, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen – mit dem Wissen, dass dazwischen noch ein ganzer, langer Sommer auf dem Land liegt. Und vielleicht war das wirklich der längste Sommer meines Lebens.
Im Moment hat er für mich kaum angefangen. Ich war tatsächlich erst ein einziges Mal baden, und zwar in der Heimat. Das war eher wie Urlaub, während ich in meinem jetzigen zu Hause noch keine einzige Badestelle ausprobiert habe. Wann auch? Ich muss ja noch diese Texte lesen, um das Essay zu schreiben, lernen, die Take Home-Klausur wartet auch nicht und meine Güte, wenn ich in einer knappen Woche in die Sprechstunde gehe, sollte ich wenigstens ein Thema für die Hausarbeit formulieren. Außerdem haben ja gerade alle Geburtstag, man will niemanden enttäuschen und absagen, die Theater-Karten sind bestellt, die Konzertreihe ist dieses Wochenende, ein Stammtisch, ein Grillabend, überhaupt spielt ja das Wetter nicht mit …
Ich vermisse den Sommer, wie er vor einem Jahr war. Ich will mir eines der alten Bücher meiner Mutter aus dem Regal nehmen, ein paar Erdbeeren und ein Handtuch mitnehmen und einfach nur für mich an den See fahren. Da, wo nur eine Handvoll anderer Familien in der Sonne sitzt, alle halbe Stunde mal ein Hund kläfft und die Kinder vor Vergnügen quieken; wo ich stundenlang gesessen und gelesen habe und nur dann und wann zur Abkühlung ein paar Runden geschwommen bin. Ich will wieder früh aufstehen, fotografieren und Bilder bearbeiten ohne den Druck zu spüren, dass noch etwas zu tun ist. Ich will mich wieder abends ans Fenster setzen, ohne von tausend Fenstern auf der anderen Straßenseite betrachtet zu werden, da, wo nur selten ein Auto vorbeifährt und ich den Grillen und diesen zwei Liedern gelauscht habe, immer wieder.
Ich sage, dass ich glücklich bin, und das stimmt. Vielleicht würde ich mich inzwischen so, wie ich jetzt bin, langweilen in diesem Sommer vor einem Jahr. Vielleicht ist das nur eine alte Melodie, die mir gerade jetzt durch den Kopf geht und wehmütig Gedanken hinterlässt, obwohl sie längst nicht mehr in die Gegenwart passt. Es ist nicht so, dass ich es nicht schätzen würde, diese vielen neuen Aufgaben, die Stadt, die Menschen. Ja, gerade die Menschen, die unweigerlich mit dem Rest verknüpft sind und die mich als allererstes dazu inspirieren, doch nicht zu Hause zu bleiben.
Aber dieses süße Nichtstun klingt dennoch so verlockend zwischen all den Terminen und Fristen in meinem Kalender. Ein Stück Vergangenes, Zeit für mich, ohne Plan und zeitlos, denn was macht es schon aus, ob Mittwoch ist oder Sonntag, wenn man keine Verantwortung trägt? Wen interessiert es, ob man etwas jetzt tut oder in zwei Wochen, wenn niemand einen Tag festlegt? Wer würde mich am Abend vermissen, wo am Abend doch gar nichts geplant ist?
Ich weiß es auch nicht. Nur, dass neben mir meine Aufgaben liegen, die ich besser jetzt erledigen sollte, ehe die Prüfungszeit mich vollends in ihren Klauen hält. Dass ich die Texte wirklich lesen und verstehen muss, ehe ich am Wochenende das Essay schreibe. Dass sich in ein paar Stunden schon die Fachschaft trifft und ich habe zugesagt.

Und dass ich dieses Leben liebe und gleichzeitig die Tage zähle bis zum August. August, wenn ich vielleicht so frei bin, mir Zeit zu nehmen, um aufs Land zu fahren und ein paar der alten Honigsommertage zu leben.












Kommentare:

  1. Man wartet im Winter immer viel zu lang auf den Sommer und der zerrinnt dann bloß viel zu schnell. Beim Essen bin ich es gewohnt, schnell meinen Teller aufzuessen, alles in mich reinzumampfen... Schlechte Gewohnheit. Wär besser, wenn ich es umgekehrt machen würde, das Essen genießen, aber ruhig auch zerrinnen lassen, übrig lassen und weglassen und lieber den Sommer aufsaugen. Essen kommt immer, der Sommer vergeht. Dabei habe ich dieses Jahr viel vom Sommer gehabt. Vielleicht fresse ich ihm bloß auch, aber zu gedankenlos und zu nebenbei und wir sind einfach viel zu gierig und sehnen uns ständig nach mehr, weil wir nicht loslassen können. Oder das bin nur ich und ich fühle mich durch deinen Text einfach an etwas ganz Anderes erinnert als das, worüber du schreibst. In Baden-Württemberg fangen die Sommerferien einfach so spät an...

    Und meine letzten Ferien (also jetzt) sind gerade doch sehr schöner Urlaub (immerhin bin ich grade in Las Vegas, kann nicht klagen... Ersteweltprobleme) aber vor unserem Flug habe ich wirklich die Tage zerrinnen lassen. Dabei wollte ich ja fürs nächste Schuljahr lernen und hab noch keine Gelegenheit um mich auf den langen Sommer nach dem Abi zu freuen :D komisch, warum wir des Sommers wegen immer so viel Melancholie haben, obwohl es eindach wäre, ihn einfach zu genießen. Immer diese Panik, weil man Angst hat, dass der Sommer vorbei ist, wenn man zurückkommt.

    Warum werde ich immer so ausschweifend über mich selbst, das ist wie eine Krankheit. Wahrscheinlich Bloggerkrankheit.

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    1. Stimmt. (Oder man sitzt in der U-Bahn und wünscht sich in dem Moment ein klitzekleines bisschen den Winter zurück, weil man mit zwei Fetzen Stoff am Körper kurz vorm Zerfließen ist.)
      Ja, das stimmt, ich bin zwar ein gemäßigter Esser, aber vielleicht genießt man tatsächlich zu wenig. Bleibt zu Hause, statt raus zu gehen und wundert sich dann, wieso man die schönen Tage verpasst hat. Oder sie ebenso gedankenlos lebt und vergisst, sie wirklich zu schätzen. Du meine Güte, jetzt ist schon wieder fast September ... Ich glaube, ich kann wirklich nicht loslassen. Aber ich hab mir auch drei Wochen Extra-Sommer im Süden gesichtert, nur bringt es ja nichts, darauf zu warten und ihn hier verstreichen zu lassen ... ach, schwierig. Aber eigentlich hatte ich ja jetzt meine wunderbaren Ostsee-Tage, das ist auch schon fast Heimat, und Grillen im Park, rausgehen in den Wald, all die schönen Dinge. Da kann man sich nicht beschweren.

      Oh, Las Vegas? Das klingt ziemlich fabelhaft, ich wünsch dir noch viel Spaß da! Falls du das gebloggt hast, hab ich es leider entweder noch nicht gelesen oder vergessen, bei mir stauen sich gerade zu viele Posts an, die ich noch lesen will.
      Ach ja, ich hab auch nicht das Gefühl, viel gemacht zu haben. Also, eine Hausarbeit geschrieben, aber das ging irgendwie so nebenher und die wollte ich eigentlich bis morgen überarbeitet und fertig haben. Jetzt drücke ich mich wieder davor. Und irgendwo zwischen drei Wochen Berlin, Nizza, Griechenland und Ersti-Woche muss ich wohl die zweite schreiben und die wird schwieriger, juchu.
      Seltsam, oder? Summertime Sadness. Zu schön, um wahr zu sein. Man lebt so glücklich und denkt nur daran, dass es bald vorbei ist und dass es besser sein könnte.
      Jetzt muss ich mir direkt nochmal das Lied anhören.

      Och, ich hab ja auch einen ganzen Blogpost über mein Befinden geschrieben und überhaupt, was bleibt schon übrig? Man hat ja nur seine eigenen Gedanken und Erfahrungen. Und deine lese ich gern. :)

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  2. Wow....wunderschöner Text und tolle Bilder ! ♥

    Alles liebe
    Laura ♥
    https://liveitrosy.blogspot.co.at/

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