Donnerstag, 13. Oktober 2016

Herbst-Berlin


Nach fast drei Wochen irgendwo am Mittelmeer ist es nicht einfach, zu akzeptieren, dass es in Berlin Herbst geworden ist. Wenn ich könnte, würde ich mich in den Zug setzen und in die Heimat fahren, aber stattdessen hänge ich in der Großstadt fest, muss heute Abend dringend noch diese Bewerbung zu Ende schreiben, die erst aus anderthalb Sätzen besteht und morgen irgendwie wieder mit der zweiten Hausarbeit weitermachen, obwohl meine Gedanken seit vielen Tagen weit entfernt sind von Fußnoten und Recherche. Keine weiten Wiesen, bunten Blätter oder Kastanien, sondern graue Straßen, das ständige Rauschen der Autos und das fast leere Word-Dokument, das mir anklagend entgegenblickt. Sehr geehrte Damen und Herren, bitte, mich interessiert dieses Praktikum ja wirklich, aber es ist kalt geworden und ich kann meine Worte nicht in diesen formellen Kasten zwingen, denn dadurch schwindet noch mehr Wärme. Mein Tee ist auch schon fast ausgetrunken und nach diesen mit Menschen gefüllten Wochen fühle ich mich hier so einsam und trostlos.

Ich glaube, die Spätsommermelancholie habe ich verpasst, und vielleicht trifft mich der Herbst deshalb umso mehr. Wir haben so lange auf den Sommer gewartet, doch jetzt ist er schon wieder fort; und so lange noch bis zum nächsten. Für einen Moment erscheinen mir all die großen Pläne so klein und aus deinem scherzhaften Necken wird Ernst.


Oktober. Das ist die Zeit, in der ich in Berlin angekommen bin. Ich glaube, heute vor einem Jahr war das Katerfrühstück (ohne Kater) von der Anglistik-Fachschaft, an deren Website ich vorhin noch gebastelt habe und wo ich ein Mädchen kennengelernt habe, mit dem ich kurz vor meine Abreise noch so lange im Park geredet habe. Vor einem Jahr bin ich hier angekommen, so orientierungslos und verschreckt, habe angefangen, mich irgendwie um mich selbst zu kümmern und mein Leben in die Hand zu nehmen, ohne mir sicher zu sein, ob ich dafür bereit bin.
Ich weiß nicht, ob ich es war. Aber man lernt wohl, damit umzugehen, sich durchzubeißen, Ängste zu überwinden und plötzlich sieht man zurück und erkennt sich selbst nicht mehr. Hört dieses Lied, dass man damals bei diesem Konzert gehört hat, gerade so mit 15 reingeschummelt, und plötzlich hat es eine ganz andere Bedeutung. Das hätte ich nie von mir gedacht, aber so ist die Welt, und vielleicht ist es gar nicht nur meine Schuld, denn wir sind alle unperfekt. Oder einfach nur unterschiedlich und das ist gut und schlecht.

Heute kenne ich die Straßen. Mein Orientierungssinn ist immer noch hoffnungslos, aber langsam weiß ich, welchen Weg ich einschlagen muss, und wenn meine U-Bahn nicht mehr fährt und ich das letzte Stück laufen muss, dann fühle ich mich zu Hause. Diese Orte lösen jetzt Erinnerungen aus und Gefühle, und während ich letzten November noch ziellos die falsche Straße hinabgelaufen bin, weiß ich heute, welche zum Edeka führt und welche zu dir, welche zur U7, welche zum Copyshop, welche zum Ku’damm, welche in die Schwulen-Ecke. Dafür brauche ich keine Karte mehr und egal, wie die Urberliner immer über Zugezogene wettern (und es irgendwie doch selten ernst meinen), nach einem Jahr habe ich das Gefühl, irgendwie dazuzugehören.

Dieses Herbst-Berlin ist es, das ich zuallererst kennen gelernt habe, nicht bei einer der Tagestouren zum Shoppen oder ins Theater, sondern um zu bleiben. Und trotz allem macht es mich glücklich, es wiederzusehen.


Kommentare:

  1. Liebe Mara,
    dass es schon ein Jahr her ist..wie war das noch? Berlin oder Bielefeld?
    Was hier in deinem Blog wohl stehen würde, wäre es Bielefeld geworden?^^
    Spielt keine Rolle, hört sich alles gut an, alles richtig gemacht!
    Du kannst wirklich stolz auf dich sein, was du schon alles geschafft hast, leicht war das sicher nicht- meinen Respekt hast du jedenfalls..aber den hast du sowieso.

    Jedenfalls, hört sich alles sehr schön an, so angekommen und nach 'zuhause'.

    Jaaa, der nächste Sommer kommt bestimmt, und mit ihm wieder neue Songs an dem Erinnerungen hängen.
    Aber, es ist ja auch schön wenn sich nicht alles verändert.
    Diesen einen Weg da, den gehst du hoffentlich noch ganz ganz oft, es sei denn, du kommst einfach aus einer anderen Richtung.

    Alles Liebe,
    Silver^^

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bielefeld, oh Gott. Da habe ich die Uni gegooglet und war von ihrer schieren Hässlichkeit so überwältigt, dass ich mich dann doch nur in Berlin, Jena und Dresden beworben habe. Aber wer weiß, vielleicht wäre ich in Bielefeld krasse Poetryslammerin geworden? Zumindest hätte ich ganz sicher keine Reise nach Athen unternommen (zumindest nicht mit dem Ginger), und ob ich in die Stiftung gekommen wäre, weiß man auch nicht, vielleicht hat Berlin ja eine ganz andere Person aus mir gemacht ... tja.
      Danke, du Liebe! Du hast meinen auch, schon dafür, dass du dich gerade so durchbeißen musst und mir trotzdem pünktlich wie immer so liebe Worte da lässt, das muss man auch mal schaffen.

      Der Weg Richtung Schwulen-Straße? :D Nein, Spaß, das hoffe ich auch. :) Und ich weiß ja auch, dass es viele, viele Wege gibt, also kein Grund, zu verzweifeln, wenn mal einer einstürzt oder versperrt ist. Im Sommer kann man vielleicht sowieso einfach dahin fliegen, wohin man will. Jetzt im Moment ist mir dafür aber zu kalt.

      Alles Liebe (und alles Sonne und alles Baum) ❤🌞🌳

      Löschen
  2. Hallo Mara,
    du hast deine Gedanken zur Jahreszeit so wundervoll ausgedrückt, am liebsten würde ich dich jetzt in den Arm nehmen.
    Es ist besonders spannend für mich zu lesen, wie du auf dein erstes Jahr Berlin zurück guckst weil ich vor 1.5 Monaten erst hierher gezogen bin und viele Dinge bei mir wieder erkenne von denen du geschrieben hast. Besonders diese Stelle spricht mir sehr aus der Seele: 'so orientierungslos und verschreckt, habe angefangen, mich irgendwie um mich selbst zu kümmern und mein Leben in die Hand zu nehmen, ohne mir sicher zu sein, ob ich dafür bereit bin'
    Danke, dass du deine Gedanken mit der Welt und mir geteilt hast! Ich hoffe du kommst mit deiner Bewerbung und Hausarbeiten gut voran und hast zwischendurch ein wenig Zeit das herbstliche Berlin zu genießen.
    Liebe Grüße, Lena Xxx

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ach du, danke! <3 Ich find's voll schön, dass du dich da so wiederfindest. Und ich wünsch dir eine wunderbare Zeit hier, wenn man sich dann erst mal orientiert und so langsam das Bahnnetz im Kopf hat und nicht ewig überlegt, in welche U-Bahn-Richtung man muss, dann ist es wirklich toll hier!
      Meine Bewerbung ist inzwischen eingegangen und die Hausarbeit nimmt mehr und mehr Gestalt an; Dankeschön! (:

      Löschen
  3. Ich mag den Herbst eigentlich sehr gern, er ist sogar meine liebste Jahreszeit. Dieses Jahr hat mich die Sommermelancholie aber auch so richtig gepackt und ich habe die Wärme und die Sonne, das viele draußensein wirklich sehr, sehr vermisst. Na ja, langsam wird es gemütlich, eigentlich mag ich das ja auch ganz gern... ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Im Moment genieße ich es auch - abends mit dem Laptop im Bett liegen und Serien schauen kann man im Herbst tatsächlich sehr gut. Ein bisschen wärmere Füße wären toll, aber sonst kann man sich tatsächlich nicht beklagen. :D

      Löschen