Mittwoch, 8. Februar 2017

Heile Welt


Ich glaube, ich bin ein Heile Welt-Kind. Entweder, weil ich aus einer heilen Welt komme, oder weil ich sie heile mache. Oder vielleicht, weil andere Menschen Geschichten erzählen, die mir Angst machen, die ich nie für möglich gehalten habe, oder weil ich verdränge, dass es mir auch mal schlecht ging, oder weil ich Realistin bin und die Realität verheißungsvoll ist – für mich. Vielleicht habe ich auch einfach Glück. Oder war so unverschämt, es mir zu nehmen. Vielleicht will ich einfach nicht kaputt sein.


Vor zwei Monaten hätte ich ohne zu zögern sagen können, wann ich das letzte Mal geweint habe. Vorhin, mitten im Seminar konnte ich die Tränen für einen Moment nicht zurückhalten, oder abends, zusammengerollt im Bett, als das Schluchzen meinen ganzen Körper erzittern ließ. Aber jetzt? Am nächsten Abend ist es mir plötzlich spontan eingefallen: „Das war, also du den Küchenschrank geöffnet hast und ich mich mit dem Hinterkopf genau an der Kante gestoßen habe!“ Eine kleine Beule, und sonst nichts. Keine Herzwunden.


Plötzlich ist alles so einfach. Es ist, als hätte ich die Krise überwunden, den Gipfel des Berges erreicht, und nach der wundervollen Aussicht geht es quietschfidel im Hoppserlauf wieder nach unten. Ja, mit langen Küchen-Gesprächen zu zweit über die blöde Liebe. Mit Motivationslöchern und mit nicht erfüllten Träumen. Aber es fällt mir plötzlich einfacher, zu akzeptieren, dass diese Träume eigentlich ein bisschen zu perfekt sind und dass ich auch so glücklich bin. Ich habe mir so viele Sorgen gemacht, aber plötzlich klappt alles, mehr oder weniger, und Schritt für Schritt wird die große To Do-Liste in meinem Kopf kürzer. Oder weniger angsteinflößend. Das wird schon irgendwie gehen, denn bis jetzt hat es doch immer geklappt! Also, meistens. Aber man muss auch nicht alles schaffen, und das ist ein Ansporn: üben, besser werden, nochmal versuchen!


Es tut gut, nicht mehr abhängig von den Leuten zu sein, die mir wehgetan haben. Als hätte ich mich endlich getraut, die Wunde zu desinfizieren – ein kurzer, brennender Schmerz, und dann sind die Gifte ausgewaschen und wie ein Zeitraffer heilt alles zusammen. Ich lache mehr, tanze mehr, plane, wie es weitergehen wird, erinnere mich an alte Freunde und setze die Dinge um, die ich schon so lange vor mir hergeschoben habe.
Na gut. Ich schiebe immer noch sehr viele Dinge vor mir her, aber ich weiß, dass ich das alles noch hinkriege. Bis zur Dead Line ist mein Motivationsschreiben da, den Podcast kriege ich schon auch noch hin und zwischendurch bringe ich ganz sicher nochmal ein bisschen Theater unter, feiern gehen und ein veganer Kochabend sowieso. Ich meine, ich könnte auch Panik schieben und wer weiß, vielleicht sollte ich das sogar, aber die Welt ist wieder heile.

Kommentare:

  1. Hey liebe Mara,
    das ist schön. Schön positiv und es macht Mut.
    Ich glaube, man kann so viel schaffen wenn man es nur will, würde aber nicht alles nur auf den Willen allein schieben. Das würde ja bedeuten, dass Leute, die nicht ausschließlich in einer heilen Welt leben, einfach nur selbst Schuld sind und es wohl nur nicht wirklich wollen.
    Aber wenn man die Möglichkeiten hat, sich seine eigene heile Welt zu bauen, auf Menschen zu pfeifen, die einem Kummer bereiten, nur noch nach vorn zu schauen...sollte man das tun. Denn nicht jeder hat das Glück, einfach nur zugreifen zu müssen oder sich nur entscheiden zu müssen.

    Aber ich denke, man hat unglaublich viel Kraft, mehr als mancher von sich selbst denken würde und einen Versuch ist es immer wert.

    Es freut mich jedenfalls, dass die olle Wunde
    abgeheilt ist und das Gekraxel bis rauf auf die Bergspitze lohnt sich wohl immer.

    Und..super schöne Bilder:)


    Bis bald,
    Silver^^







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    1. Das freut mich. Irgendwie brauchen wir alle mehr Mut, glaube ich (ich natürlich auch, leider ist mir nicht 24/7 nach Heile Welt-Posts).

      Ich glaube auch nicht, dass man alles mit einem „Ab jetzt denke ich positiv!“-Vorsatz schafft. Manche Menschen sind eben eher dazu veranlagt, weiter zu machen, Dinge auf die Dauer nicht so schwer zu nehmen, weniger in der Vergangenheit zu brodeln – das meine ich mit „Glück“. Ich habe einfach das Glück, dass Aufgeben für mich bisher nie eine Option war, da ist eine Sackgasse in meinem Kopf. Wer auch immer sie dahin getan hat und wer auch immer sie bei anderen Menschen freiräumt. Das macht es mir einfacher, aber das projiziere ich selbstverständlich trotzdem nicht eins zu eins auf andere.
      Ja. Soviel dazu. Aber ich glaube, mit Willen kann man irgendwie etwas erreichen, selbst wenn manche Leute nur mit den Fingern schnipsen und andere hart dafür kämpfen müssen. Irgendwie muss es gehen, sonst wäre ja alles sinnlos und daran glaube ich nicht. Daran kann ich gar nicht glauben. Wieder so eine Veranlagung.

      Und wie auch immer was wie ist, ich hoffe, wir sehen uns irgendwann auf der Bergspitze und stellen da so ein Kreuz auf, weil wir es geschafft haben. Oder pflanzen einen Kirschbaum. Das fände ich noch schöner.

      Merci und mach’s gut!

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  2. Liebstes Märchen,

    den Artikel hat mich mal wieder schwer beeindruckt (von deinen Fotos ganz zu schweigen, aber darauf möchte ich mein Kommentar nicht reduzieren, schließlich hast du dir mit dem Text viel Mühe gegeben). Das Erwachsenwerden stellt sich doch als nicht so super einfach heraus, wie wir es uns vorgestellt haben und wie Rehkitze stellen wir uns zittrig auf die eigenen Beine. Wenn man sich öfter unüberzwingbaren Hürden und Niederlagen stellen muss, verliert man zwangsläufig wohl irgendwann den Mut und die Motivation, sich all dem wieder zu stellen. Wo ist mein Handbuch fürs Leben? Wahrscheinlich auf dem Postweg verloren gegangen. Hoffentlich.
    Aber es ist schön zu sehen bzw lesen, dass du dir zum Einen deinen eigenen dunklen Wolken bewusst bist und versuchst, mehr Sonne in den Leben zu bringen. Denn schlussendlich wünschen wir uns ja alle, wie du es passend ausgedrückt hast, eine heile Welt - aber wir müssen auch selbst die Bruchstücke zusammentragen und Klebeband organisieren. Ein ganzes Stück Arbeit, dass sich schlussendlich aber lohnt.

    liebst
    Ellie♥

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    1. Danke und danke für beides!
      Eigentlich habe ich es mir nicht mal einfach vorgestellt. Schon irgendwie schwer, nur anders schwer, das ist das Problem, es ist manchmal so eine unerwartete Ohrfeige und wenn man eh nur ein Bambi ist, dann haut das einen manchmal um. Wobei es dann natürlich fabelhaft motivierend ist, wenn Bambis sich auf ihren Stelzbeinchen wieder hochstemmen und er hat es trotz vieler Bauchlandungen auch immer geschafft, wieso also nicht wir?
      Vielleicht ist eine heilgeflickte Welt voll mit buntem Washi-Tape gar nicht so übel. Weniger langweilig. So komplett aus Klebeband ist natürlich nicht ideal, aber ein bisschen ist okay, solange es am Ende hoffentlich mehr oder weniger heile ist. Und irgendwo liebenswürdig.
      Tja. Das Handbuch für's Leben würde mich aber doch mal interessieren, so aus Neugierde, sag Bescheid, falls es doch noch angekommt und das Postauto nicht in den Graben geplumpst ist.

      Alles Liebe, Mara ♥

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  3. Liebe Mara,

    ein sehr persönlicher Post, total schön zu lesen!
    Und dein Kleid gefällt mir übrigens total gut, die Bilder sehen toll aus :)

    Liebste Grüße
    Lea

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