Mittwoch, 22. März 2017

self-conscious


Sie blättert in der uralten Ausgabe von »To Kill a Mockingbird«, die ich in der Bibliothek gefunden habe. »… und er war selbstbewusst« übersetzt sie, während ich ihr über die Schulter schaue.
»Im Englischen hat das eine andere Bedeutung«, sage ich und deute auf das Wort self-conscious. »Du bist selbstbewusst, aber eher in einem negativen Sinne. Befangen, verlegen, irgendwie unsicher.«


Ich finde beides nicht ganz richtig. Selbstbewusstsein hat eigentlich nicht zwingend etwas mit der deutschen Souveränität zu tun und es führt auch nicht immer zu den englischen Hemmungen. Sich seiner selbst bewusst sein. Sich selbst wahrnehmen.


Heute Morgen bin ich mit schnellem Schritt zur Bahn gelaufen, habe mich in den Schaufensterscheiben gespiegelt und nichts daran auszusetzen gehabt. Heute Morgen habe ich an der zweiten Station den anderen Praktikanten getroffen, ein bisschen geplaudert, später meine Artikel zu Ende geschrieben und in der Sonne am Wasser gesessen.
Heute Abend fühle ich mich unwohl in meinem Körper. Ich bin schweigsam und sitze allein auf meinem Bett, ohne etwas zu tun, müde, kraftlos, aber noch nicht bereit, zu schlafen.

Ich kann mich nicht beklagen. Eigentlich ist alles in Ordnung. Die Prüfungen sind geschrieben, ich habe ein wundervolles Praktikum und einen Erasmusplatz, über mein Äußeres kann ich nicht meckern, meine Freunde sind für mich da, und ich bin zwar wieder Single, aber nicht unglücklich darüber. Und trotzdem holen mich diese einsamen Stunden immer wieder ein. Plötzlich ist alles wie wieder früher, als hätte ich dieses neue Leben bloß gekostet, um zurückzukehren und es umso mehr zu vermissen.

Selbst wenn Singvögel töten eine Sünde ist, dann ist sie inzwischen zu einer Gewohnheit geworden, die niemand in Frage stellt. Ich sehe die Menschen, die schlauer, beliebter, aktiver sind und am Abend ausgehen, während ich zurückbleibe. Ich sehe die Mädchen auf Instagram, die hübscher und dünner sind als ich und bereue, so viel gegessen zu haben. Ich sehe all diese Erfolge und habe das Gefühl, dass ich nur durch einen glücklichen Zufall so weit gekommen bin und die Leute jetzt Taten und Gedanken von mir erwarten, für die ich noch nicht bereit bin. Als müsste ich lügen, um zu überleben, denn jetzt bin ich so weit gekommen, dass ich nicht mehr aufgeben kann. Aufgeben war noch nie eine Option. Sympathischer sein. Hübscher. Kreativer. Durchbeißen.
Und überall Make-Up, hübsche Kleider, Fitness-Tipps und Ratgeber für ein glücklicheres Leben. Alles, um mir zu zeigen, dass ich unperfekt bin. Dabei kann es doch nicht sein, dass man für Zufriedenheit bezahlen muss, oder?


Und Selbstbewusstsein ist trügerisch. Manchmal schießt man über das Ziel hinaus und findet sich in Situationen, denen man nicht gewachsen ist. Manchmal fühlt man sich grauenvoll und merkt erst im Nachhinein, dass man in einen verzerrten Spiegel gesehen hat und gar nicht so scheußlich ist, wie man dachte. Aber es ist so schwierig, sich selbst objektiv zu betrachten und ich glaube, ich möchte es ohnehin nicht, weil mir die Zweifel fehlen würden. Manchmal muss man sich zerreißen und neu zusammensetzen, um sich wirklich spüren zu können. Mit neuen Augen auf das neue Mosaik aus alten Teilen sehen und sich seiner selbst bewusst sein.


Kommentare:

  1. Danke für den Post! Ich kann sehr nachvollziehen was du dort beschreibst.
    Wenn nach viele guten Tagen mal wieder ein schlechter Tag kommt.
    So einen schlechten Tag hatte ich gerade gestern, und es hilft mir ungemein deine Gedanken hier heute morgen zu lesen.
    Ich wünsche dir alles Gute!
    Liebe Grüße, Lena!

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    1. Wie schön, dass es dir geholfen hat! ♥ Bei mir ist es auch meistens ein Tag, an dem das Fass zum Überlaufen gebracht wird, und kurz darauf ist plötzlich alles wieder normal. Aber irgendwie muss man da wohl leider immer wieder durch.
      Vielen Dank, das wünsche ich dir auch!

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  2. Hallo liebe Mara,

    ich überlege gerade, wie das sein kann 'selbstbewusst' aber nicht 'selbstsicher'...geht das?
    Tja, leider weiß ich auch nicht, wie das sein kann, es stimmen alle äußeren Umstände und damit meine ich auch das tatsächliche Erscheinungsbild und trotzdem..dieses nicht selbstsicher sein. Zweifeln. An sich. Seinen Fähigkeiten. Zumindest von Zeit zu Zeit.
    Kürzlich las ich, dass gerade das Vergleichen, (was wohl automatisch abläuft und bis zu einem gewissen Grad auch normal ist) mit anderen dazu führt, dass man unglücklich wird. Oder zweifelt.
    Selbst wenn man sich Bilder super glücklich wirkender, super schöner Menschen anschaut(oder gerade bei solchen Bildern), führt das dazu, sich selbst kritischer zu betrachten und so weiter. Obwohl das gar nicht sein muss, weil eigentlich alles supi ist.
    Das man mal einen schlechten Tag oder sogar eine längere Phase hat, ist ja noch ok aber ich glaube mittlerweile und eigentlich ist diese Erkenntnis nichts wirklich neues, dass man sich selbst wirklich am allermeisten wertschätzen und lieben muss.
    Und damit meine ich nicht, total selbstverliebt zu sein oder total egoistisch. Ein paar Zweifel sind doch auch nicht übel, ich würde es vielleicht selbstkritisch und selbstreflektierend nennen. Ich glaube, das sollte man auch sein, nur so kann man 'besser' werden.
    Und man muss das tun, was einen glücklich oder zufrieden macht oder erfüllt, ohne dabei zu sehr auf das zu achten, was andere sagen. Selbst wenn sie es schlecht machen etc., dich verunsichern wollen, selbst wenn sie es gut meinen. Am Ende muss man selbst die Erfahrung machen und auch wenn es in die Hose geht, es nicht als Niederlage oder Versagen ansehen und dran verzweifeln, sondern es als Erfahrung verbuchen und seine Lehren draus ziehen.
    Mir fällt das total schwer, aber sowas von schwer.
    Aber ich denke, so sollte man es sehen.

    Es gibt übrigens ein interessantes Syndrom, nennt sich Hochstapler-Syndrom oder Impostor-Phenomenon, da denkt man, eigene Erfolge und erbrachte Leistungen nicht verdient zu haben oder schiebt es ausschließlich äußeren Umständen zu aber nicht seinen eigenen Fähigkeiten.
    Kann man auf Wikipedia nachlesen.
    Kam mir nur gerade in den Sinn.
    Unter anderem, weil ich über deinen Artikel schmunzeln musste weil ich denke, dass diese Aufgabe unter deinem Niveau war. Aber weit darunter. Nicht, weil ich erwarte, dass du permanent abliefern muss, sondern weil ich der festen Überzeugung bin, dass du es einfach kannst. Und ich glaube, andere finden das auch. Aber wahrscheinlich hattest du da nicht groß die Wahl^^
    Im Grunde ist das also ein Kompliment wenn von dir 'Großes' erwartet wird.
    Aber nichtsdestotrotz (was für ein Wort) sollte man es dir auch zugestehen wenn du mal keinen Bock hast oder es mal nicht so glatt läuft. Und zwar auf alles bezogen, weil das einfach menschlich ist.
    Ich musste mal etwas weiter ausholen, und hoffentlich kommt rüber, was ich sagen wollte.

    'Manchmal muss man sich zerreißen und neu zusammensetzen, um sich wirklich spüren zu können'.
    Das ist stark, würde ich auch so unterschreiben.

    By the way, das Outfit mag ich sehr, Mara kann auch ohne Elfenkleidchen--like!

    Mensch, habe ich wieder gefaselt.

    Bis bald,
    Silver^^

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    1. Halt je nachdem, ob man „selbstbewusst“ so benutzt, wie man es normalerweise tut oder eben über die Wortkombination nachdenkt. So wie „verrückt“, was eigentlich auch verschoben heißt – crazy shit!^
      Vergleichen ist wirklich furchtbar. Ich meine, es kann auch gut sein, sonst würde man ja wirklich nie den Antrieb finden, sich zu verbessern, aber auf der anderen Seite macht es einen immer so unangenehm darauf aufmerksam, dass man irgendwann an seine Grenzen stößt und vielleicht nie so gut wird. Genau wie du meinst – ein paar Zweifel sind gut, aber das heißt ja auch, dass man kein arrogantes Arschloch ist. Das geht schon. Und diese immerglücklichen Instagrammer sind sicher auch nicht so immerglücklich, wie es aussieht, man geht bloß davon aus und zack, neidisch.
      Das stimmt schon – mehr als sich selbst wohlfühlen und verwirklichen geht ja eigentlich gar nicht. Zu 100% wird man niemals irgendjemandem gefallen, so wie es keine Person gibt, die man selbst immer und überall mag. Heißt ja nicht, dass man die Person wegen kleiner Fehler nicht trotzdem absolut lieb hat, also einfach dein Ding machen und darauf klarkommen.
      Wenn es so einfach wäre. Haha. Ha.
      Hochstapler-Syndrom. Joa, das klingt irgendwie danach. Ich meine, ist ja nicht so, als wäre ich immer so drauf, ich bin zwar nicht die Wiedergeburt Rilkes, aber irgendwie komme ich ja ganz gut klar und wenn ich sehe, dass meine Zeitungsartikel ganz gut funktionieren und auch mein Blog trotz schlechter Pflege ein bisschen aufblüht, dann macht mich das schon stolz – aber so Sachen wie das Stipendium überwältigen mich doch manchmal noch.
      Danke, liebe Silver! ♥ Aus tiefstem Herzen. Tja, Jugendjournalismus.^^ Simpel sind diese Meinungstexte wirklich, aber Artikel wie hier will ich da ganz sicher nicht veröffentlichen, die Zeitung haben ja so viele Leute, auch wenn unsere Seite sicher kaum jemand liest. Ist schon wieder ein neuer Kommentar raus, über Frühlingsgefühle. Mail der Redakteurin: „Joa, wir brauchen noch so einen Text, vielleicht, dass euch Frühlingsgefühle und der ganze Hype ankotzen?“ Ich: „Ich mag Frühling.“ Der andere Praktikant: „Hab keinen Bock.“ Jetzt habe ich einen seltsamen Kompromiss geschrieben.
      Stimmt eigentlich, so habe ich das noch gar nicht gesehen mit den Erwartungen. Aber klar, man verlangt nichts von Leuten, denen man es nicht zutraut. Auch wenn sie vielleicht noch nicht ganz 100% sicher sind.
      Und vielen Dank für’s Ausholen, darüber freue ich mich immer sehr! :)

      Ja oder, Kniestrümpfe sind toll – man muss nur aufpassen, dass es nicht falsch rüberkommt!^^

      Alles Liebe ♥

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  3. P.S.
    Ich meine übrigens den 'Schminke'-Artikel, nicht deinen Post hier, nicht das hier Missverständnisse aufkommen:p

    Silver^^

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  4. ich habe glaube ich schon lange hier mehr keinen kommentar geschrieben aber es ist ein echt schöner text und an der einen stelle musste ich echt sehr mit dem kopf nicken. "Manchmal fühlt man sich grauenvoll und merkt erst im Nachhinein, dass man in einen verzerrten Spiegel gesehen hat und gar nicht so scheußlich ist, wie man dachte...." du hast eine tolle art und weise mit worten umzugehen. ganz liebe grüße!

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    1. Vielen lieben Dank, Lilly, ich freue mich sehr, dass du den Text mochtest und mir geschrieben hast! (:
      Alles Liebe ♥

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