Mittwoch, 19. April 2017

Harmonie


Keine Umstände machen. Akzeptiert werden, wenn nicht gar gemocht. Harmonie.

Wenn ich erzähle, dass ich früher der Teufelsbraten unter meinen Geschwistern war, der kleine Zankapfel, der immer einen Streit vom Zaun gebrochen hat, sind die meisten erstaunt. Wutanfälle? Geschrei? Du doch nicht!
Denn heute sieht man davon nichts mehr.
Wann habe ich mich das letzte Mal ernsthaft mit jemandem gestritten? Wann bin ich mit geballten Emotionen auf jemanden zugegangen und habe gesagt, was mir nicht passt?


Denn heute sieht man davon nichts mehr.
Aber es ist noch da. Während ich schweige, um niemanden zu verärgern, der Harmonie wegen, alles herunterschlucke, der Harmonie wegen, diese Gefühle in mir zusammenballe, der Harmonie wegen, Probleme mit mir selbst lösen will, obwohl zwei dazu gehören, der Harmonie wegen – während ich das tue, zerbreche ich die Harmonie in mir selbst.


Ich habe Angst, dass die Menschen mich anders sehen, als ich bin. Oder anders, als ich mich fühle. Am meisten Angst vielleicht, dass jemand mich durchschaut, bevor ich es selbst tue. Es ist so paradox. Und ich weiß, dass man nicht allen Menschen gefallen kann, aber ich zeige heuchlerisch auf ein oder zwei Personen, die ich verbannt habe und versuche, es all den anderen recht zu machen. Es funktioniert nicht.


Ich will nicht bedauert werden und ich will nicht seltsam sein. Ich habe Angst, wieder die Außenseiterrolle einzunehmen und genau diese Angst ist es vielleicht, die mich in diese Richtung stößt. Wenn man alles richtig machen will, macht man vieles falsch und das bleibt nicht unbemerkt. Behutsam bemalte Porzellanpuppe, die von feinen Sprüngen durchzogen ist. Vielleicht ein wenig lädiert, vielleicht auch zusammengeklebte Scherben, man weiß es nicht. Sie würde es ohnehin nie zugeben.


Es wundert mich, dass ich doch nicht so einfach zu lesen bin. Auf der einen Seite schütte ich mein Herz aus, aber dann bin ich plötzlich froh, dass noch niemand herausgefunden hat, wie mein Innerstes funktioniert. Ich weiß nicht, ob ich diese Verletzlichkeit ertrage.
Ich beginne, zu verstehen, was der Preis ist. Wenn andere auf meine Grenzen stoßen – sorgfältig konstruierte Palisaden – finde ich auch ihre. Und da ist kein Zaun, mit dem sie mich davon abhalten wollen, sie zu verstehen. Nein, sie laden mich ein, und ich laufe gegen eine unsichtbare Barriere, die nur in meinen Gedanken existiert.

Und eigentlich wollte ich doch nur niemanden enttäuschen.
Aber ich tue es. Meistens nur in meinem Kopf.

Kommentare:

  1. Ein toller Text! Du sprichst mir echt aus der Seele und ich verstehe genau was du meinst...
    Der Stil bei deinen Fotos gefällt mir übrigens richtig gut und auch diese hier sind wieder sehr schön und auch verdammt mutig:)
    Bleib immer du selbst, den richtigen Leuten gefällt genau das!
    Liebe Grüße

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    1. Vielen lieben Dank - schön zu hören, dass ich mal wieder nicht die Einzige bin, die sich in so einer Situation befindet. Und freut mich, dass du die Fotos magst. (:
      Das hoffe ich mal! <3

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  2. Liebes Märchen,
    was soll ich groß schreiben?

    Der Text ist großartig.
    Die Bilder sind klasse.

    Mehr folgt lieber in einer Mail, sonst ufert das hier wieder aus^^

    Grüße,
    Silver🤗

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    1. Liebe Silver,
      Und was soll ich groß antworten?

      Merci beaucoup.
      Tusen Takk.

      Und ich freue mich sehr auf die Mail! (:

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