Montag, 17. April 2017

Irgendwas mit Medien


»Ich bin von der Zeitung, deswegen teste ich Eisläden«, erkläre ich dem kleinen Jungen, der am Zaun des Kindergartens steht und mit großen Augen dabei zuschaut, wie ich das Eis in meiner Hand fotografiere. Er antwortet nicht, aber als ich ein Stück weitergehe, höre ich, wie er seinem Freund von meinem Beruf erzählt – vermutlich habe ich gerade zwei Nachwuchs-Journalisten angeworben.

Auf die Standard-Frage Nummer eins – »Was studierst du?« – folgt nach der Antwort »Deutsche Literatur und Englisch« meist Standard-Frage Nummer zwei – »Und was willst du dann damit machen?« LiteraturwissenschaftlerInnen sind für viele immer noch gewisse Kuriositäten, die in der Uni von den Klassikern der vergangenen Jahrhunderte schwärmen, in ohnehin schon seltsame Metaphern komplett abstruse Deutungen interpretieren und nach drei bis sieben Jahren Bachelor zwar viel gelesen haben, vom Arbeitsmarkt aber so viel verstehen wie eine Neunjährige. Letzteres ist sicher nicht im ganz falsch (trifft aber auch auf jedes andere Fach zu). Ich habe mein Studium eher begonnen, weil ich einfach bei keinem anderen Fach das Gefühl hatte, dass ich mich mindestens drei Jahre lang intensiv damit beschäftigen wollen würde, nicht um letztendlich meinen Traumjob zu erlangen. Da mir das erstaunte »Und was willst du damit machen?« allerdings schon in den Ohren klingelte, bevor ich überhaupt meine Bewerbungsunterlagen losgeschickt hatte, wich ich immer auf »Journalismus oder Verlagswesen« aus.

Dass für Journalismus vielleicht die Studiengänge Publizistik oder Journalistik und für das Verlagswesen auch Linguistik sinnvoll sein könnten, ließ ich außer Acht. Ich studierte ja vor allem des Faches wegen und versuchte nur, mich nicht als komplett ziellos zu präsentieren.

Das Problem mit vielen Geisteswissenschaften ist, dass man zwar fast alles damit machen kann, aber nichts einfach zu bekommen ist. Umso kreativer der Bereich, desto härter wird um die wenigen Jobs gekämpft. Mach erstmal drei unbezahlte Praktika, um Erfahrung zu sammeln, und dann sehen wir weiter.

Mit diesem Hintergedanken und weil ich generell nicht wusste, wie die Journalismus-Branche aussieht, habe ich alle Hausarbeiten und großen Prüfungen in den Sommer geschoben und Bewerbungen verschickt. Ehe ich mich versah, hatte ich plötzlich meine kompletten Semesterferien mit einem Vollzeitjob verplant und während alle anderen endlich mal wieder in die Heimat reisten und tagelang nichts taten, besuchte ich für nicht mal 48 Stunden meine Familie und saß ansonsten in Berlin fest. Ein Freund hatte mich schon gewarnt, dass der erste Vollzeit-Job hart sein würde, mir machten die Telefone Angst, die ich bei meinem Vorstellungsgespräch auf den Tischen erblickt hatte und generell war ich mir nicht ganz so sicher, wie das mit mir und dem Arbeitsalltag aussehen würde. Klingt irgendwie gleichzeitig traurig und kurios, aber zuvor hatte ich so job-mäßig, abgesehen von Tagesevents, eigentlich nur mal in einer Oper mitgesungen.

Die Rettung präsentierte sich in Form eines zweiten Praktikanten, der schon einen Tag vor mir angefangen hatte, telefonieren konnte und tatsächlich gern Sponsoren recherchierte. Währenddessen arbeitete ich an einem WhatsApp-Projekt und wertete die aus Emojis bestehenden Bundestagswahlprognosen von Schülern aus Nordrhein-Westfalen aus. Ja, sowas macht man im Bereich »irgendwas mit Medien«. Wir haben uns also ganz gut ergänzt und wenn sich mal wieder irgendeine Inkompetenz bemerkbar machte, konnte ich immer erstmal einen Gleichgesinnten fragen. Nebenbei haben wir uns gegenseitig Interview-Partner vermittelt und nur manchmal um Aufgaben gerangelt, weil es erstaunlich schwer ist, sich 40 Stunden die Woche sinnvoll zu beschäftigen.

Es ist schon seltsam, wenn man plötzlich den ersten eigenen Artikel in der Zeitung vor sich hat (abgesehen von diesem Rettet-die-Orang-Utans-und-den-Regenwald-Text, den ich mal in der vierten Klasse geschrieben habe). Es ist seltsam, mit mehr oder weniger bekannten Feuilletonisten von großen Zeitungen bei einer Pressekonferenz in einer Jugendhaftanstalt zu sitzen. Es ist seltsam, mit der Kamera bewaffnet durch ein Gruppenseminar zu schleichen, um möglichst authentische Bilder abzugreifen.

Aber ich mag es, all die erstaunlichen Dinge, die man sonst nur bei Facebook verlinkt sieht, selbst aufzustöbern. Ich mag es, an einem Tag fünf verschiedene Eissorten zu probieren, in ein queeres Jugendhaus zu gehen, mit Schauspielern aus einem Jugendgefängnis zu reden, neue Flohmärkte oder Urban Gardening-Spots zu entdecken und fremde Leute zu interviewen, die auf der anderen Seite der Welt einen Freiwilligendienst geleistet haben. Durch die Welt laufen, mitschreiben, ein Foto machen und später was draus basteln – das ist ein Job? Finde ich eigentlich gut.

Tja, das ist es also, was mich beschäftigt, wenn ich nicht gerade gedankenverlorene Blog-Posts verfasse. Falls sich jemand gefragt hat, ob mein Leben manchmal auch weniger metaphorisch aufgeladen ist. Ich schnüffele mich durch die Medienbranche, teste manchmal Schoko-Pizza und habe sogar mal zwischendurch für Aldi-Süd gemodelt. Es gibt ja treffenderweise so viele Filialen davon in Berlin. Ist auch ein Alternative, wenn das mit dem Schreiben nicht klappt.










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