»Ich bin von der Zeitung, deswegen teste ich Eisläden«, erkläre ich dem kleinen Jungen, der am Zaun des Kindergartens steht und mit großen Augen dabei zuschaut, wie ich das Eis in meiner Hand fotografiere. Er antwortet nicht, aber als ich ein Stück weitergehe, höre ich, wie er seinem Freund von meinem Beruf erzählt – vermutlich habe ich gerade zwei Nachwuchs-Journalisten angeworben.
Auf die Standard-Frage Nummer eins – »Was studierst du?« –
folgt nach der Antwort »Deutsche Literatur und Englisch« meist Standard-Frage
Nummer zwei – »Und was willst du dann damit machen?« LiteraturwissenschaftlerInnen sind für viele immer noch gewisse Kuriositäten,
die in der Uni von den Klassikern der vergangenen Jahrhunderte schwärmen, in
ohnehin schon seltsame Metaphern komplett abstruse Deutungen interpretieren und
nach drei bis sieben Jahren Bachelor zwar viel gelesen haben, vom Arbeitsmarkt
aber so viel verstehen wie eine Neunjährige. Letzteres ist sicher nicht im ganz
falsch (trifft aber auch auf jedes andere Fach zu). Ich habe mein Studium eher
begonnen, weil ich einfach bei keinem anderen Fach das Gefühl hatte, dass ich
mich mindestens drei Jahre lang intensiv damit beschäftigen wollen würde, nicht
um letztendlich meinen Traumjob zu erlangen. Da mir das erstaunte »Und was
willst du damit machen?« allerdings schon in den Ohren klingelte, bevor ich
überhaupt meine Bewerbungsunterlagen losgeschickt hatte, wich ich immer auf »Journalismus oder Verlagswesen« aus.
Dass für Journalismus vielleicht die Studiengänge Publizistik
oder Journalistik und für das Verlagswesen auch Linguistik sinnvoll sein
könnten, ließ ich außer Acht. Ich studierte ja vor allem des Faches wegen und
versuchte nur, mich nicht als komplett ziellos zu präsentieren.
Das Problem mit vielen Geisteswissenschaften ist, dass man
zwar fast alles damit machen kann, aber nichts einfach zu bekommen ist. Umso
kreativer der Bereich, desto härter wird um die wenigen Jobs gekämpft. Mach
erstmal drei unbezahlte Praktika, um Erfahrung zu sammeln, und dann sehen wir
weiter.
Mit diesem Hintergedanken und weil ich generell nicht
wusste, wie die Journalismus-Branche aussieht, habe ich alle Hausarbeiten und
großen Prüfungen in den Sommer geschoben und Bewerbungen verschickt. Ehe ich
mich versah, hatte ich plötzlich meine kompletten Semesterferien mit einem
Vollzeitjob verplant und während alle anderen endlich mal wieder in die Heimat
reisten und tagelang nichts taten, besuchte ich für nicht mal 48 Stunden meine
Familie und saß ansonsten in Berlin fest. Ein Freund hatte mich schon gewarnt, dass der erste Vollzeit-Job hart sein würde, mir machten die Telefone Angst, die ich bei meinem Vorstellungsgespräch auf den Tischen erblickt hatte und generell war ich mir nicht ganz so sicher, wie das mit mir und dem Arbeitsalltag aussehen würde. Klingt irgendwie gleichzeitig traurig und kurios, aber zuvor hatte ich so job-mäßig, abgesehen von Tagesevents, eigentlich nur mal in einer Oper mitgesungen.
Die Rettung präsentierte sich in Form eines zweiten Praktikanten, der schon einen Tag vor mir angefangen hatte, telefonieren konnte und tatsächlich gern Sponsoren recherchierte. Währenddessen arbeitete ich an einem WhatsApp-Projekt und wertete die aus Emojis bestehenden Bundestagswahlprognosen von Schülern aus Nordrhein-Westfalen aus. Ja, sowas macht man im Bereich »irgendwas mit Medien«. Wir haben uns also ganz gut ergänzt und wenn sich mal wieder irgendeine Inkompetenz bemerkbar machte, konnte ich immer erstmal einen Gleichgesinnten fragen. Nebenbei haben wir uns gegenseitig Interview-Partner vermittelt und nur manchmal um Aufgaben gerangelt, weil es erstaunlich schwer ist, sich 40 Stunden die Woche sinnvoll zu beschäftigen.
Es ist schon seltsam, wenn man plötzlich den ersten eigenen
Artikel in der Zeitung vor sich hat (abgesehen von diesem Rettet-die-Orang-Utans-und-den-Regenwald-Text,
den ich mal in der vierten Klasse geschrieben habe). Es ist seltsam, mit mehr
oder weniger bekannten Feuilletonisten von großen Zeitungen bei einer
Pressekonferenz in einer Jugendhaftanstalt zu sitzen. Es ist seltsam, mit der
Kamera bewaffnet durch ein Gruppenseminar zu schleichen, um möglichst
authentische Bilder abzugreifen.
Aber ich mag es, all die erstaunlichen Dinge, die man sonst
nur bei Facebook verlinkt sieht, selbst aufzustöbern. Ich mag es, an einem Tag
fünf verschiedene Eissorten zu probieren, in ein queeres Jugendhaus zu gehen, mit Schauspielern aus einem Jugendgefängnis
zu reden, neue Flohmärkte oder Urban Gardening-Spots zu entdecken und fremde Leute zu interviewen, die auf
der anderen Seite der Welt einen Freiwilligendienst geleistet haben. Durch die
Welt laufen, mitschreiben, ein Foto machen und später was draus basteln – das ist
ein Job? Finde ich eigentlich gut.
Tja, das ist es also, was mich beschäftigt, wenn ich nicht gerade
gedankenverlorene Blog-Posts verfasse. Falls sich jemand gefragt hat, ob mein
Leben manchmal auch weniger metaphorisch aufgeladen ist. Ich schnüffele mich
durch die Medienbranche, teste manchmal Schoko-Pizza und habe sogar mal zwischendurch
für Aldi-Süd gemodelt. Es gibt ja treffenderweise so viele Filialen davon in
Berlin. Ist auch ein Alternative, wenn das mit dem Schreiben nicht klappt.
Ich mag den Artikel echt gerne :)
AntwortenLöschenDanke! :)
LöschenHey Mara!
AntwortenLöschenEin wunderschöner Artikel, der mich doch nochmal zum Überlegen gebracht hat. Ich werde nächstes Jahr anfangen zu studieren, aber das "Was?" und "Was willst du damit anfangen?" macht mir auch noch Sorgen. Ich hatte schon an Englisch und diverse Studiengänge mit Literatur gedacht, weil es - wie bei dir auch - das Einzige ist, was ich mir halbwegs vorstellen kann, aber andererseits liest man auch oft, dass es so schwer ist, danach an einen Job bei einem Verlag oder einer Zeitung zu kommen...Naja, wie auch immer, ein toller Artikel und schöne Fotos ;)
Viele liebe Grüße und ein entspanntes Wochenende, Hermine
Vielen leben Dank, Hermine! :) Ich weiß nicht, ich bin irgendwie relativ optimistisch, was Jobs angeht - ich kann mir gar nicht wirklich vorstellen, dass das nicht klappt. Irgendwas findet sich doch immer, oder? Gerade, wenn man wirklich Spaß an der Sache hat, und wenn's bei dir auch "nur" die hoffnungslosen Geisteswissenschaften sind, dann probier's! Ein Bachelor heißt ja auch nicht, dass man sich zwangsweise für den Rest des Lebens damit beschäftigen muss. Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Glück!
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