Donnerstag, 1. Februar 2018

Ein Kind also

„Tut mir leid, Mara, aber manchmal benimmst du dich eben wie ein Kind und ich behandele Leute so, wie sie sich verhalten.“
Und damit ist die kurze „Aussprache“ anscheinend vorbei. Ich verlasse wortlos die Küche und verziehe mich in meinem Zimmer, wo ich wie ein verletztes Tier am Fenster sitze. Nicht verängstigt, sondern wütend, wie eine Raubkatze, die nach dem ersten Hieb erst recht die Zähne fletscht.
Ein Kind? Und wer gibt dir das Recht, so etwas zu behaupten? Wie kommst du auf die Idee, mich bevormunden zu wollen? Mir egal, was du denkst, aber ich bin nicht dein Kind, also kümmer dich doch um deine eigenen Probleme, statt mich erziehen zu wollen; wenn das deine Technik ist, dann bist du gerade gegen eine Wand gelaufen.

Sturheit kann man mir wohl wirklich vorwerfen – obwohl ich viel darüber nachgedacht habe. Ohne mich wirklich zu ändern, weil ich das nicht mache, wenn mich jemand eine Minute lang anrotzt, statt mir zu erklären, was ihn oder sie stört. Aber über das Problem habe ich mir Gedanken gemacht. Kindisch? Letzten Juni, als ich achtzehn war, gerade ein Jahr volljährig. Offiziell alt genug, um meine eigenen Entscheidungen zu treffen, drei Monate, bevor ich mich ganz allein in ein neues Land wagen wollte, während ich mich in den letzten Semestern durch die Winkel Berlins geschlichen habe. Aber wenn es um Finanzen geht, rufe ich Papa an. Und Mama korrigiert meine Hausarbeiten. Vor ein paar Tagen hat mich jemand, höchsten zwei Jahre älter, als „woman“ bezeichnet und ich bin zusammengezuckt – nicht nur, weil er langsam wissen könnte, wie ich heiße, sondern auch, weil ich mich noch gar nicht so alt fühle.

Ab wann fühlt man sich wohl erwachsen? Es stimmt schon, ich habe meistens eher das Gefühl, dass ich nur durch diese Welt stolpere, zufällig meine Prüfungen bestehe, glücklicherweise ein Zimmer finde und aus heiterem Himmel plötzlich in einer Beziehung lande. Wenn ich mich dazu überwinde, einer neuen Society beizutreten oder allein feiern zu gehen, dann mache ich das nicht mit selbstverständlicher Sicherheit, sondern zaghaft, mit weit geöffnet Augen, jedes Detail aufsaugend. Kann es erst nicht fassen, dass ich das wirklich tue, dass es so viele Möglichkeiten gibt und ich einfach aufstehe und sie ergreife. Dass ich nicht mehr in meiner kleinen Heimatstadt bin, in der sich seit Jahren nichts verändert hat, sondern in der großen weiten Welt, auf mich allein gestellt. Niemand, der mir meine Entscheidungen abnimmt, niemand, der mir sagen kann, wie die Zukunft aussehen wird und wohin ich meine Schritte lenken soll. Aber ich tue es ja. Gehe auf die Leute zu und wir turnen zwischen den Gebäuden herum, und ich weiß, dass ich nur Musik brauche, um bis zum Morgengrauen durchzuhalten und im Zweifelsfall … ich könnte einfach auf jemanden zugehen. So einfach.

Und das klingt für viele vielleicht nicht erwachsen, aber wenn ich zurücksehe auf das Mädchen, das ich früher war, dann fühlt es sich so an. Ich bin nicht mehr in meinem Schultrott, halte mich fern von Menschen, die ich sowieso nicht mag und treffe mich lieber mit denen, mit denen ich in stundenlangen Gesprächen versinken kann. Ich bin nicht mehr so verschüchtert, ängstlich, befangen. Ich kann in den Spiegel schauen und lächeln.
Aber sie ist noch da. Ich bin noch da. Ein bisschen anders als vor drei Jahren, mit vielen neuen Erfahrungen, Ideen, Freunden, aber es ist das gleiche Mädchen, das durch diese Welt geht.

Ein Kind. Ja. Das stimmt. Ich habe wirklich darüber nachgedacht und weiß, dass das für mich nichts Schlechtes bedeutet, auch wenn du es so gemeint hast. Ich werde weiter mit einem Staunen im Blick leben; vielleicht naiv sein, aber mir alles erklären lassen, was ich noch nicht verstehe; vielleicht stolpern und mir die Kniee blutig schlagen, aber mir die gefährliche Stufe merken; und ganz sicher werde ich meine Freude am Leben behalten, wie ein Kind, das jeden Tag etwas Neues entdeckt. Das weint und drei Sekunden später wieder lacht. Einfach glücklich ohne einen besonderen Grund, weil das Leben wunderbar ist. Genauso will ich sein.




And if you run like a child and act like a child,
Honestly, what's there to worry about?

Oh, you got to get up,
You got to be running wild,
‘Cause it's a good morning,
Oh, it's a good morning.

Montag, 27. November 2017

Rote Lippen sind nicht zum Küssen da


„That sounds like a good night, wish I was there haha! What flavour ice cream?“

Ich bin froh, dass er nicht da ist. Vielleicht sollte ich ihn das wissen lassen. Wie schreibe ich auf Englisch, dass ich heute einfach nicht mit anderen Menschen kompatibel bin? Und wie sage ich am besten, dass ich die Frage nach der Eissorte ziemlich seltsam finde und dass ihn das nichts angeht?

„Chocolate, of course. :D“

Ich habe nicht mal Lust, gemein zu sein. Deute nett an, dass ich gerade gerne allein bin und opfere keine Kraft, eine bissig-raffinierte Antwort zu formulieren.

„We should watch lilo and stitch 2 sometime….with chocolate ice cream?“

Und da habe ich den Salat. Unehrlich sein hilft auch nicht.
Nein, ich will nicht mit dir allein in deiner Wohnung sein,
die Idee, nach meiner Lieblingseissorte zu fragen um mich dann damit anzulocken, als würdest du mich und meine Vorlieben schon ewig kennen, ist grauenvoll,
auch wenn du vor zwei Wochen meinen absoluten Lieblingsfilm vorgeschlagen hättest, wäre ich nicht mit dir ins Kino gegangen,
und ich hab vorhin nur überrascht getan, als du mich plötzlich angesprochen hast, ich habe dich schon aus der Ferne gesehen, nach meinem Handy gegriffen und konzentriert auf den Bildschirm gestarrt, bin so schnell wie möglich an dir vorbeigelaufen, habe im Augenwinkel gesehen, dass du mir folgst und hab mich nur noch mehr beeilt, ehe du mich schließlich eingeholt hast
und mein Lächeln war falsch, die ganze Zeit.

Und wenn ich dir jetzt offen ins Gesicht sage, dass ich nichts von dir will? Oder zumindest nebenbei andeute, dass ich ach so glücklich bin als Single und keine Lust habe auf diesen ganzen Stress? Dann war das vermutlich das letzte Mal, dass ich etwas von dir gehört habe, genau wie mit dem anderen Typen, den wir vorgestern in der Bar gesehen haben, erinnerst du dich noch?

Es nervt mich, es nervt mich so sehr. Dass Kerle immer dann ankommen, wenn man sie sich vom Leib halten will und sie den Schwanz einziehen, sobald man andeutet, dass man nicht auf sie steht. Danke, dass du so sehr an meinem Charakter interessiert bist und nicht nur an meiner Wert als potentielle Freundin oder Bettgenossin, was immer dir halt so vorschwebt, nachdem wir uns seit drei Tagen kennen oder insgesamt knapp zwei Stunden miteinander geredet haben. Danke, dass du so sensibel auf meine Reaktionen achtest und mir nicht immer offensichtlicher ins Ohr schreist, was du willst, weil ich das ja anscheinend nicht mitbekomme. Ohnehin, danke, dass du gefragt hast, ob ich nicht vielleicht doch einen Freund habe, daheim in Deutschland, das erwähnen ja nicht alle in jedem dritten Satz.

Nein, da ist niemand in Berlin, aber ich hätte Lust, es einfach zu behaupten. Ich will nicht auf diesen oberflächlichen Markt geworfen werden, ich will diese Menschen wirklich kennenlernen, ohne Vorurteile, ohne bewertet zur werden als Freundin oder nicht-Freundin.

Komisch zu hören, wie mein Mitbewohner sich nebenan gerade sehr erfolgreich mit dem Mädchen anfreundet, das ich ihm vorgestellt habe – das war auch in der Bar, vorgestern, und seitdem haben sie sich jeden Abend gesehen. Ich weiß nicht, warum ich nicht so sein kann, warum ich diese Hemmungen habe. So ein bisschen waren sie schon immer da. Ich erinnere mich noch an meine Panik in der zwölften Klasse – wie ich mich diesen Frühling darauf eingelassen habe und tatsächlich Spaß hatte – wie mein Vertrauen im August wieder eingerissen wurde.

Wie unglaublich kompliziert das alles ist. Selbst wenn man nichts damit zu tun haben will, denn das kann man offensichtlich nicht allein entscheiden.
Was ist jetzt trauriger?
Diese verzweifelten Menschen, die sich an jemanden klammern, den sie kaum kennen? Denn sonst wüssten sie, was ich über all das denke.
Oder ich, weil ich für den Moment aufgegeben habe und niemandem eine Chance gebe? Kategorisch jeden ausschließe, der mir zu nahe kommt?

Ich weiß es nicht. Und drehe den Techno-Beat lauter, um die beiden Stimmen im anderen Zimmer nicht hören zu müssen.



(Der Fokus verrät, dass die Batterien in meinem Fernauslöser alle waren - verzeiht mir, ich hab natürlich direkt neue geholt!)

Sonntag, 24. September 2017

Kein Heimweh

Noch habe ich kein Heimweh. Ich sitze in meinem kleinen Zimmerchen, das mir schon so vertraut ist, höre die gleiche melancholische Indie-Musik wie immer und draußen miaut die fremde Katze, die immer um Futter bettelt, weil mein Mitbewohner sie manchmal füttert. Für ein paar Minuten lasse ich sie in mein Zimmer und sie rollt sich schnurrend in meinem Schoß zusammen, ehe ich sie wieder vor die Tür setzen muss. Wahrscheinlich keine gute Idee, aber doch die richtige Wahl in diesem Moment.

Ich fühle mich wohl hier, aber ich bin erschöpft. Seit eineinhalb Wochen lebe ich inzwischen in Birmingham, und ich gewöhne mich an die fremden Supermärkte, an die verwirrend großen two pence-Münzen und das wechselhafte Wetter. Nicht ganz an die Sprache; niemand erwartet astreines Englisch von mir, aber es stört mich, dass ich manchmal so unbeholfen klinge oder vergesse, was Gummistiefel heißt oder Deckel. Ich merke, dass ich fremd bin, denn weder in der Schule noch an der Uni lernt man, wie die Menschen tatsächlich reden und manchmal kommt mir das alles so künstlich vor, als wären meine Worte nur ein Konstrukt, das möglich echt klingen soll.

Ich stelle mich immer mit meinem zweiten Namen vor – plötzlich bin ich nicht mehr Mara und das ist verwirrend und spannend zugleich. Ich habe so viele Leute kennengelernt und obwohl ich froh darüber bin, macht es mich müde. So viel reden, erzählen und zuhören, alles auf Englisch, viel zu viel Ale und Shots und laute Musik, bis ich nur noch vorgebe, deine Worte zu verstehen und dich reden lasse und kommentiere, falls ich doch mal einen Fetzen mitbekomme. Oder auf den Floor gehe und mich zwinge, zu tanzen, obwohl die Musik viel zu langsam ist für mich und ich trotz Vorglühen und drei weiteren Shots nicht betrunken genug bin und ja, ich will tanzen, genau das tue ich doch schon, aber nicht mit dir und bitte schau mich nicht so an und vor allem fass mich nicht an.

Ich brauche wirklich eine Pause. Einen Tag für mich. Kein Wandern in der Gruppe, kein Fahrradfahren in diesen seltsamen Hügeln, sondern ein Spaziergang, hoffentlich mit trockenen Füßen und meiner Musik und keinen Menschen. Ruhe, um das alles zu realisieren, um neue Gedanken zu sammeln und mich darauf einzustellen, dass ich ab morgen in eine fremde Uni muss und ein Vorsingen habe. Ruhe, um mich wieder darauf freuen zu können, neue Leute kennenzulernen, vielleicht in dem Gender-Seminar oder beim Disney-Karaoke, oder sogar beim Tanzen, wenn die Musik besser ist und ich nüchtern bin. Ruhe, um nach all der Hektik wieder zu mir zurückzufinden und Kraft zu sammeln, um aus diesen neun Monaten das Beste zu machen.

Denn ich habe immer noch kein Heimweh. Ich bin neugierig.



(Für einsame Tage gibt es in Birmingham einen wundervollen botanischen Garten,


den ich mit meiner selbst zusammengebastelten Analogkamera erkundet habe,


und meine alte Heimat habe ich für den Notfall ohnehin dabei.)

Mittwoch, 19. April 2017

Harmonie


Keine Umstände machen. Akzeptiert werden, wenn nicht gar gemocht. Harmonie.

Wenn ich erzähle, dass ich früher der Teufelsbraten unter meinen Geschwistern war, der kleine Zankapfel, der immer einen Streit vom Zaun gebrochen hat, sind die meisten erstaunt. Wutanfälle? Geschrei? Du doch nicht!
Denn heute sieht man davon nichts mehr.
Wann habe ich mich das letzte Mal ernsthaft mit jemandem gestritten? Wann bin ich mit geballten Emotionen auf jemanden zugegangen und habe gesagt, was mir nicht passt?


Denn heute sieht man davon nichts mehr.
Aber es ist noch da. Während ich schweige, um niemanden zu verärgern, der Harmonie wegen, alles herunterschlucke, der Harmonie wegen, diese Gefühle in mir zusammenballe, der Harmonie wegen, Probleme mit mir selbst lösen will, obwohl zwei dazu gehören, der Harmonie wegen – während ich das tue, zerbreche ich die Harmonie in mir selbst.


Ich habe Angst, dass die Menschen mich anders sehen, als ich bin. Oder anders, als ich mich fühle. Am meisten Angst vielleicht, dass jemand mich durchschaut, bevor ich es selbst tue. Es ist so paradox. Und ich weiß, dass man nicht allen Menschen gefallen kann, aber ich zeige heuchlerisch auf ein oder zwei Personen, die ich verbannt habe und versuche, es all den anderen recht zu machen. Es funktioniert nicht.


Ich will nicht bedauert werden und ich will nicht seltsam sein. Ich habe Angst, wieder die Außenseiterrolle einzunehmen und genau diese Angst ist es vielleicht, die mich in diese Richtung stößt. Wenn man alles richtig machen will, macht man vieles falsch und das bleibt nicht unbemerkt. Behutsam bemalte Porzellanpuppe, die von feinen Sprüngen durchzogen ist. Vielleicht ein wenig lädiert, vielleicht auch zusammengeklebte Scherben, man weiß es nicht. Sie würde es ohnehin nie zugeben.


Es wundert mich, dass ich doch nicht so einfach zu lesen bin. Auf der einen Seite schütte ich mein Herz aus, aber dann bin ich plötzlich froh, dass noch niemand herausgefunden hat, wie mein Innerstes funktioniert. Ich weiß nicht, ob ich diese Verletzlichkeit ertrage.
Ich beginne, zu verstehen, was der Preis ist. Wenn andere auf meine Grenzen stoßen – sorgfältig konstruierte Palisaden – finde ich auch ihre. Und da ist kein Zaun, mit dem sie mich davon abhalten wollen, sie zu verstehen. Nein, sie laden mich ein, und ich laufe gegen eine unsichtbare Barriere, die nur in meinen Gedanken existiert.

Und eigentlich wollte ich doch nur niemanden enttäuschen.
Aber ich tue es. Meistens nur in meinem Kopf.

Montag, 17. April 2017

Irgendwas mit Medien


»Ich bin von der Zeitung, deswegen teste ich Eisläden«, erkläre ich dem kleinen Jungen, der am Zaun des Kindergartens steht und mit großen Augen dabei zuschaut, wie ich das Eis in meiner Hand fotografiere. Er antwortet nicht, aber als ich ein Stück weitergehe, höre ich, wie er seinem Freund von meinem Beruf erzählt – vermutlich habe ich gerade zwei Nachwuchs-Journalisten angeworben.

Auf die Standard-Frage Nummer eins – »Was studierst du?« – folgt nach der Antwort »Deutsche Literatur und Englisch« meist Standard-Frage Nummer zwei – »Und was willst du dann damit machen?« LiteraturwissenschaftlerInnen sind für viele immer noch gewisse Kuriositäten, die in der Uni von den Klassikern der vergangenen Jahrhunderte schwärmen, in ohnehin schon seltsame Metaphern komplett abstruse Deutungen interpretieren und nach drei bis sieben Jahren Bachelor zwar viel gelesen haben, vom Arbeitsmarkt aber so viel verstehen wie eine Neunjährige. Letzteres ist sicher nicht im ganz falsch (trifft aber auch auf jedes andere Fach zu). Ich habe mein Studium eher begonnen, weil ich einfach bei keinem anderen Fach das Gefühl hatte, dass ich mich mindestens drei Jahre lang intensiv damit beschäftigen wollen würde, nicht um letztendlich meinen Traumjob zu erlangen. Da mir das erstaunte »Und was willst du damit machen?« allerdings schon in den Ohren klingelte, bevor ich überhaupt meine Bewerbungsunterlagen losgeschickt hatte, wich ich immer auf »Journalismus oder Verlagswesen« aus.

Dass für Journalismus vielleicht die Studiengänge Publizistik oder Journalistik und für das Verlagswesen auch Linguistik sinnvoll sein könnten, ließ ich außer Acht. Ich studierte ja vor allem des Faches wegen und versuchte nur, mich nicht als komplett ziellos zu präsentieren.

Das Problem mit vielen Geisteswissenschaften ist, dass man zwar fast alles damit machen kann, aber nichts einfach zu bekommen ist. Umso kreativer der Bereich, desto härter wird um die wenigen Jobs gekämpft. Mach erstmal drei unbezahlte Praktika, um Erfahrung zu sammeln, und dann sehen wir weiter.

Mit diesem Hintergedanken und weil ich generell nicht wusste, wie die Journalismus-Branche aussieht, habe ich alle Hausarbeiten und großen Prüfungen in den Sommer geschoben und Bewerbungen verschickt. Ehe ich mich versah, hatte ich plötzlich meine kompletten Semesterferien mit einem Vollzeitjob verplant und während alle anderen endlich mal wieder in die Heimat reisten und tagelang nichts taten, besuchte ich für nicht mal 48 Stunden meine Familie und saß ansonsten in Berlin fest. Ein Freund hatte mich schon gewarnt, dass der erste Vollzeit-Job hart sein würde, mir machten die Telefone Angst, die ich bei meinem Vorstellungsgespräch auf den Tischen erblickt hatte und generell war ich mir nicht ganz so sicher, wie das mit mir und dem Arbeitsalltag aussehen würde. Klingt irgendwie gleichzeitig traurig und kurios, aber zuvor hatte ich so job-mäßig, abgesehen von Tagesevents, eigentlich nur mal in einer Oper mitgesungen.

Die Rettung präsentierte sich in Form eines zweiten Praktikanten, der schon einen Tag vor mir angefangen hatte, telefonieren konnte und tatsächlich gern Sponsoren recherchierte. Währenddessen arbeitete ich an einem WhatsApp-Projekt und wertete die aus Emojis bestehenden Bundestagswahlprognosen von Schülern aus Nordrhein-Westfalen aus. Ja, sowas macht man im Bereich »irgendwas mit Medien«. Wir haben uns also ganz gut ergänzt und wenn sich mal wieder irgendeine Inkompetenz bemerkbar machte, konnte ich immer erstmal einen Gleichgesinnten fragen. Nebenbei haben wir uns gegenseitig Interview-Partner vermittelt und nur manchmal um Aufgaben gerangelt, weil es erstaunlich schwer ist, sich 40 Stunden die Woche sinnvoll zu beschäftigen.

Es ist schon seltsam, wenn man plötzlich den ersten eigenen Artikel in der Zeitung vor sich hat (abgesehen von diesem Rettet-die-Orang-Utans-und-den-Regenwald-Text, den ich mal in der vierten Klasse geschrieben habe). Es ist seltsam, mit mehr oder weniger bekannten Feuilletonisten von großen Zeitungen bei einer Pressekonferenz in einer Jugendhaftanstalt zu sitzen. Es ist seltsam, mit der Kamera bewaffnet durch ein Gruppenseminar zu schleichen, um möglichst authentische Bilder abzugreifen.

Aber ich mag es, all die erstaunlichen Dinge, die man sonst nur bei Facebook verlinkt sieht, selbst aufzustöbern. Ich mag es, an einem Tag fünf verschiedene Eissorten zu probieren, in ein queeres Jugendhaus zu gehen, mit Schauspielern aus einem Jugendgefängnis zu reden, neue Flohmärkte oder Urban Gardening-Spots zu entdecken und fremde Leute zu interviewen, die auf der anderen Seite der Welt einen Freiwilligendienst geleistet haben. Durch die Welt laufen, mitschreiben, ein Foto machen und später was draus basteln – das ist ein Job? Finde ich eigentlich gut.

Tja, das ist es also, was mich beschäftigt, wenn ich nicht gerade gedankenverlorene Blog-Posts verfasse. Falls sich jemand gefragt hat, ob mein Leben manchmal auch weniger metaphorisch aufgeladen ist. Ich schnüffele mich durch die Medienbranche, teste manchmal Schoko-Pizza und habe sogar mal zwischendurch für Aldi-Süd gemodelt. Es gibt ja treffenderweise so viele Filialen davon in Berlin. Ist auch ein Alternative, wenn das mit dem Schreiben nicht klappt.










Mittwoch, 22. März 2017

self-conscious


Sie blättert in der uralten Ausgabe von »To Kill a Mockingbird«, die ich in der Bibliothek gefunden habe. »… und er war selbstbewusst« übersetzt sie, während ich ihr über die Schulter schaue.
»Im Englischen hat das eine andere Bedeutung«, sage ich und deute auf das Wort self-conscious. »Du bist selbstbewusst, aber eher in einem negativen Sinne. Befangen, verlegen, irgendwie unsicher.«


Ich finde beides nicht ganz richtig. Selbstbewusstsein hat eigentlich nicht zwingend etwas mit der deutschen Souveränität zu tun und es führt auch nicht immer zu den englischen Hemmungen. Sich seiner selbst bewusst sein. Sich selbst wahrnehmen.


Heute Morgen bin ich mit schnellem Schritt zur Bahn gelaufen, habe mich in den Schaufensterscheiben gespiegelt und nichts daran auszusetzen gehabt. Heute Morgen habe ich an der zweiten Station den anderen Praktikanten getroffen, ein bisschen geplaudert, später meine Artikel zu Ende geschrieben und in der Sonne am Wasser gesessen.
Heute Abend fühle ich mich unwohl in meinem Körper. Ich bin schweigsam und sitze allein auf meinem Bett, ohne etwas zu tun, müde, kraftlos, aber noch nicht bereit, zu schlafen.

Ich kann mich nicht beklagen. Eigentlich ist alles in Ordnung. Die Prüfungen sind geschrieben, ich habe ein wundervolles Praktikum und einen Erasmusplatz, über mein Äußeres kann ich nicht meckern, meine Freunde sind für mich da, und ich bin zwar wieder Single, aber nicht unglücklich darüber. Und trotzdem holen mich diese einsamen Stunden immer wieder ein. Plötzlich ist alles wie wieder früher, als hätte ich dieses neue Leben bloß gekostet, um zurückzukehren und es umso mehr zu vermissen.

Selbst wenn Singvögel töten eine Sünde ist, dann ist sie inzwischen zu einer Gewohnheit geworden, die niemand in Frage stellt. Ich sehe die Menschen, die schlauer, beliebter, aktiver sind und am Abend ausgehen, während ich zurückbleibe. Ich sehe die Mädchen auf Instagram, die hübscher und dünner sind als ich und bereue, so viel gegessen zu haben. Ich sehe all diese Erfolge und habe das Gefühl, dass ich nur durch einen glücklichen Zufall so weit gekommen bin und die Leute jetzt Taten und Gedanken von mir erwarten, für die ich noch nicht bereit bin. Als müsste ich lügen, um zu überleben, denn jetzt bin ich so weit gekommen, dass ich nicht mehr aufgeben kann. Aufgeben war noch nie eine Option. Sympathischer sein. Hübscher. Kreativer. Durchbeißen.
Und überall Make-Up, hübsche Kleider, Fitness-Tipps und Ratgeber für ein glücklicheres Leben. Alles, um mir zu zeigen, dass ich unperfekt bin. Dabei kann es doch nicht sein, dass man für Zufriedenheit bezahlen muss, oder?


Und Selbstbewusstsein ist trügerisch. Manchmal schießt man über das Ziel hinaus und findet sich in Situationen, denen man nicht gewachsen ist. Manchmal fühlt man sich grauenvoll und merkt erst im Nachhinein, dass man in einen verzerrten Spiegel gesehen hat und gar nicht so scheußlich ist, wie man dachte. Aber es ist so schwierig, sich selbst objektiv zu betrachten und ich glaube, ich möchte es ohnehin nicht, weil mir die Zweifel fehlen würden. Manchmal muss man sich zerreißen und neu zusammensetzen, um sich wirklich spüren zu können. Mit neuen Augen auf das neue Mosaik aus alten Teilen sehen und sich seiner selbst bewusst sein.


Mittwoch, 8. Februar 2017

Heile Welt


Ich glaube, ich bin ein Heile Welt-Kind. Entweder, weil ich aus einer heilen Welt komme, oder weil ich sie heile mache. Oder vielleicht, weil andere Menschen Geschichten erzählen, die mir Angst machen, die ich nie für möglich gehalten habe, oder weil ich verdränge, dass es mir auch mal schlecht ging, oder weil ich Realistin bin und die Realität verheißungsvoll ist – für mich. Vielleicht habe ich auch einfach Glück. Oder war so unverschämt, es mir zu nehmen. Vielleicht will ich einfach nicht kaputt sein.


Vor zwei Monaten hätte ich ohne zu zögern sagen können, wann ich das letzte Mal geweint habe. Vorhin, mitten im Seminar konnte ich die Tränen für einen Moment nicht zurückhalten, oder abends, zusammengerollt im Bett, als das Schluchzen meinen ganzen Körper erzittern ließ. Aber jetzt? Am nächsten Abend ist es mir plötzlich spontan eingefallen: „Das war, also du den Küchenschrank geöffnet hast und ich mich mit dem Hinterkopf genau an der Kante gestoßen habe!“ Eine kleine Beule, und sonst nichts. Keine Herzwunden.


Plötzlich ist alles so einfach. Es ist, als hätte ich die Krise überwunden, den Gipfel des Berges erreicht, und nach der wundervollen Aussicht geht es quietschfidel im Hoppserlauf wieder nach unten. Ja, mit langen Küchen-Gesprächen zu zweit über die blöde Liebe. Mit Motivationslöchern und mit nicht erfüllten Träumen. Aber es fällt mir plötzlich einfacher, zu akzeptieren, dass diese Träume eigentlich ein bisschen zu perfekt sind und dass ich auch so glücklich bin. Ich habe mir so viele Sorgen gemacht, aber plötzlich klappt alles, mehr oder weniger, und Schritt für Schritt wird die große To Do-Liste in meinem Kopf kürzer. Oder weniger angsteinflößend. Das wird schon irgendwie gehen, denn bis jetzt hat es doch immer geklappt! Also, meistens. Aber man muss auch nicht alles schaffen, und das ist ein Ansporn: üben, besser werden, nochmal versuchen!


Es tut gut, nicht mehr abhängig von den Leuten zu sein, die mir wehgetan haben. Als hätte ich mich endlich getraut, die Wunde zu desinfizieren – ein kurzer, brennender Schmerz, und dann sind die Gifte ausgewaschen und wie ein Zeitraffer heilt alles zusammen. Ich lache mehr, tanze mehr, plane, wie es weitergehen wird, erinnere mich an alte Freunde und setze die Dinge um, die ich schon so lange vor mir hergeschoben habe.
Na gut. Ich schiebe immer noch sehr viele Dinge vor mir her, aber ich weiß, dass ich das alles noch hinkriege. Bis zur Dead Line ist mein Motivationsschreiben da, den Podcast kriege ich schon auch noch hin und zwischendurch bringe ich ganz sicher nochmal ein bisschen Theater unter, feiern gehen und ein veganer Kochabend sowieso. Ich meine, ich könnte auch Panik schieben und wer weiß, vielleicht sollte ich das sogar, aber die Welt ist wieder heile.

Dienstag, 17. Januar 2017

Verloren


Es ist seltsam, dass ich nicht mehr so allein sein kann, wie ich es früher gekonnt habe. Ich habe mich eingelassen auf die Menschen, und das erlaubt mir, dass ich die Zeit mit ihnen genieße, dass ich sie nicht mag, sie mich unglücklich machen und ich sie vermisse. Meine Gedanken schwirren fort zu ihnen und all die Dinge, die ich sonst für mich behalten habe, verschwinden auf dem Weg.
Es gibt die, die sagen, dass Inspiration auf der Straße liegt, aber ich habe das Gefühl, nur in der Einsamkeit danach hatte ich die Zeit, sie auch zu begreifen. Jetzt passiert alles viel zu schnell, als dass ich mehr mitschreiben könnte als ein paar Zitate, die mich an die alten Zeiten erinnern.

Ich weiß nicht mehr, wovon ich eigentlich träume. Manchmal habe ich deswegen Angst vor der Zukunft, weil ich so sehr im Moment lebe und einfach nicht an morgen denken will. Erst wenn ich dann wieder allein bin, spüre ich diese Worte im Hinterkopf und ich will weg, will nicht mehr allein sein, die Augen schließen, die Wärme der Menschen spüren, weil mir selbst so schnell kalt wird und mein Feuer nur klein und verletzlich flackert, wenn niemand da ist.

Ich bin nicht mehr wie früher und trotzdem dieselbe geblieben. Vielleicht hat das nur einfach niemand bemerkt. Ich lasse sie ja auch in diesem Glauben, ich mache mit und tanze ihnen vor, was sie erwarten, aber manchmal verunsichert es mich, wie schnell das alles geht. Ich sehe mich im Spiegel und begreife nicht, was sie in mir sehen, wie es dazu gekommen ist, dass ich plötzlich auf diese Art und Weise akzeptiert werde, und von so vielen verschiedenen Menschen. Bin ich das überhaupt? Ist es möglich, dass ich bewundert oder gemocht oder geliebt werde und warum? Warum?

Ich bin doch nur ich. Und ich bin verwirrt und verzweifelt, weil mir Nähe fehlt, die ich nie gebraucht habe. Dieser Raum ist so groß, so leer und kalt und düster, dass ich mich verloren fühle.

Verloren. Ein bisschen zu tief in mir selbst versunken. So jung. Und nicht mehr so unschuldig, wie ich einmal war und wie es mir doch so oft ins Gesicht geschrieben wird.

Und es gibt kein aufschlussreiches Ende, um den Ganzen einen Sinn zu geben und plötzlich zu verstehen. So ist das eben.



Short steps, deep breath,
Everything is alright.
Chin up, I can't
Step into the spotlight.
She said, »I'm sad«,
Somehow without any words.
I just stood there,
Searching for an answer.

Why do my words
Always lose their meaning?
What I feel, what I say,
There's such a rift between them.
He said, »I can't
Really seem to read you.«
I just stood there,
Never know what I should do.
Laura Shigihara, Everything's Alright

Freitag, 6. Januar 2017

What if this storm ends?


What if this storm ends
and I don’t see you
as you are now
ever again?
Snow Patrol, The Lightning Strike

Es sind schon so viele Stürme vorübergegangen im letzten Jahr. Sie haben irgendwann an Intensität verloren und sind verschwunden, haben mich vielleicht ein letztes Mal zu Boden geworfen, um dann triumphierend fortzuwehen, und anderen habe ich mich in den Weg gestellt und sie selbst beendet.
Und es stimmt. Mit jedem Sturm sehe ich die Dinge anders. Jeder Donnerschlag verunsichert mich, jeder Blitz zeigt mir, dass ich nicht aufgeben darf. Der Regen schwächt mich und hilft mir, die Dinge klarer zu sehen, und ganz am Ende, in der Ruhe nach dem Sturm, halte ich für einen Moment inne, atme die kühle, frische Luft und kann es nicht fassen, dass nach all den Strapazen plötzlich wieder Frieden einkehrt. Und dass sich alles so sehr verändert hat.

In letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass ich kaum noch mitkomme. Ich tue Dinge, die ich niemals von mir erwartet, früher sogar verurteilt hätte. Ich weiß, dass die Menschen mich plötzlich ganz anders sehen und ich bin nicht mehr im Geringsten abhängig von denen, die ich mir ohnehin nie ausgesucht habe.
Ich habe selbst die Wahl. Was passiert, wenn der Sturm sich dem Ende neigt und ich dich niemals wieder so sehe wie davor? Eine ganze Menge vermutlich. Vielleicht auch fast gar nichts. Aber ich will mich auch gar nicht an der Vergangenheit festklammern – vor dem Sturm war eine ganz andere Zeit. Der Himmel war blau und das Gras grün, es hat sich nach Sommer angefühlt und nach Glück, und jetzt, wo ich den Regen rieche und die Blumen ihre Köpfe gesenkt haben, bin ich zwar müde, aber nicht ohne Hoffnung. Ich spüre, wie die Bäume ihre Wurzeln nach dem Wasser ausstrecken, ich sehe, wie der Staub, der sich angesammelt hat, im Bach fortgespült wird und ich weiß, dass die Blumen sich der Sonne entgegenstrecken werden, wenn sie zwischen den Wolken hervorbricht. Vielleicht nicht alle, aber der Sturm hat so viele neue Knospen zum Erblühen gebracht, dass es kaum auffällt. Nur ein kleiner Stich im Herzen, wenn ich die leeren Stellen erblicke, und so viel Wärme, wenn sich eine neue Blüte ihren Weg bahnt.

Es lässt sich ohnehin nicht aufhalten. Und ganz am Ende weiß man plötzlich, dass es gar nicht so schlimm ist.



Weißt du, das Beste daran ist, dass dieser Text älter ist als all die Dinge, die sich im Moment in meiner Brust zusammenballen. Es gab ihn vor dir und deinen Taten und es gibt ihn auch jetzt noch. Ich brauche dich nicht als Inspiration, um diese Gefühle in Worte zu fassen – und ich glaube, ich brauche dich auch sonst nicht.

Mittwoch, 9. November 2016

Ich habe Angst vor eurem Hass.

Hey world. I’m afraid of you.

Ich habe Angst. Angst vor der Welt, den Menschen, der Zukunft.
Ich habe Angst, dass wir unser privilegiertes Leben nicht mehr teilen werden, sondern uns von denen, die Hilfe brauchen, abwenden. Dass wir misstrauisch werden, uns von unseren Nachbarn trennen und dann allein und hilflos in den Ruin steuern. Und verzweifeln.

Ich habe schon immer gesagt, dass der Mensch egoistisch ist, aber das, was sich im Moment abspielt, ist zu viel. Wie könnt ihr nur mit einem derartigen Eifer dafür sorgen, dass ihr eure eigene kleine Welt für euch behalten könnt und keine zwei Cent abgeben müsst? Wie könnt ihr grölend durch die Straßen laufen und die traurigen Augen einfach vergessen? Und wie, wie könnt ihr annehmen, dass ihr dadurch eine bessere Welt schafft?

Denn ihr macht mir Angst. Ihr und euer Hass.
Ich habe Angst vor dem Brexit – und damit meine ich die vielen, vielen Menschen, die nicht mehr der Gemeinsamkeit trauen.
Ich habe Angst vor Trump – und ich denke, ihr wisst, warum.
Ich habe Angst vor der AfD – und vor unserem Institutsleiter, der für diese Partei kandidiert und ein Mädchen aus seinem Seminar geschickt hat, weil sie dagegen rebellieren wollte.

Und nein, ein „Scheiß AfD“-Shirt ist sicherlich nicht die beste Lösung. Genauso wenig die Maskierten, die das Seminar gestürmt und den Dozenten mit einem Eimer Wasser übergossen haben, genauso wenig wie zerstörerische Antifa-Gruppen.

Ich glaube nicht daran. Ich glaube nicht, dass man durch Krieg zum Frieden finden sollte und ich glaube nicht, dass man mit Hass Liebe erreicht. Statt daran zu denken, dass dieser Argwohn gegenüber unseren Mitmenschen uns zu Grunde richten wird, erhitzt sich die ganze Welt wegen der Streitereien und Kämpfe, die überall entflammen. Es macht mich verrückt, wie so viele Leute ihr Hab und Gut zu sich heranziehen und mit aller Macht verteidigen, weil sie wirklich daran glauben, dass dann alles bleibt wie bisher; dass ihr Leben besser wird, wenn sie nicht teilen; dass sie so glücklicher sind. Und sie merken nicht mal, dass es ihre eigene Unzufriedenheit ist, die sie davon abhält, glücklich zu sein, und dass ihr eigener Hass sie zerfrisst.

Gestern Abend habe ich zum ersten Mal wirklich begriffen, dass Trump Präsident werden könnte. Inzwischen hat er schon die Mehrheit der Stimmen und ich kann mir kaum vorstellen, was diese Entscheidung mit sich bringen wird. Neben so vielen anderen Dingen vor allem eines: Hass. Hass, Hass, Hass, immer mehr, bis so viele Leute daran ersticken, dass vielleicht eines Tages einer von ihnen darauf aufmerksam wird.

Ich hoffe, dass es dann noch nicht zu spät ist.

Samstag, 22. Oktober 2016

So schön wie früher


»Ich wollte nie abhängig sein, also muss ich mir auch meine Würde und mein Leben bewahren.«

»Aber es gibt so schöne Momente. Filmszenen. Wenn es sich nicht so echt anfühlen würde, hätte jemand ›Cut!‹ rufen können und Cecilia Ahern hätte vor Freude geweint. Das sind die Momente, die bleiben. Hoffentlich.«

»Vielleicht ist es gerade Glück, wenn zwei Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, doch etwas finden, was sie zusammenhält. Wenn sie sich für dieses andere Leben interessieren, immer weiter ausfragen und dabei für sich selbst lernen. Es kommt darauf an, ob einen diese Unterschiede faszinieren. Und ob man aus ihnen etwas Gemeinsames erschaffen kann.«

»Ich bin heimatlos. Wenn ich die Wohnungstür öffne, dann bete ich, dass niemand zu Hause ist, ich fühle mich geborgen, wenn ich durch die Straßen laufe, weil mich niemand kennt.
Home is, where the heart is, aber ich weiß nicht, wo ich mein Herz gelassen habe. Ich dachte, ich wüsste es, oder ich habe es zumindest gehofft, aber vermutlich habe ich es irgendwo in den Tränen verloren. Das ist doch nicht der Sinn der Sache, oder? Tage zählen, bis es besser wird. Weinen. Ich wünschte, ich könnte mich wieder in meinem Kinderzimmer verstecken und die Welt davon lesen, aber das ist weit, weit weg und ich habe diese Stadt selbst gewählt.«

»Vielleicht war ich ein wenig harsch. Nein, wir sind schon wunderbar.«

»Irgendwie habe ich in letzter Zeit keine Lust mehr. Ich will schlafen, einfach nur schlafen, so viel wie möglich, liegen bleiben.«

»Und ich habe das Gefühl, dass ich nicht mehr zurück kann. Jetzt hänge ich hier fest, gefangen zwischen den Welten, gehöre nicht so recht zur alten und auch nicht zur neuen.
...
Ist es das? Ich bekomme Heimweh, nach einem ganzen Jahr in der Großstadt.
...
Ich will einfach nur glücklich nach Hause kommen.«

»Und du weißt es nicht mal. Das ist vielleicht das Schlimmste daran. Niemand weiß es. Statt zu sprechen, versuche ich, es auszuweinen, aber das hilft nichts. Es bleibt. Jede Träne macht es nur noch schlimmer, und es gibt Tage, an denen es nicht aufhört.
...
Ist dir all das aufgefallen? Natürlich nicht. Und irgendwie kaufe ich dir deine traurigen Smileys nicht ab. Ich würde es dir glauben, wenn du sagst, dass wir uns ja sehen können, wenn du wieder da bist, oder dass du morgen kurz vorbeikommst, weil es mit dem Rad nur diese scheiß fünf Minuten sind. Aber nein. Gar nichts.
...
Weißt du, ich will mehr.«

»Ein Schatten meiner selbst.«

»Und es wird, es wird. Ich denke, ich könnte mich wieder an die Routine gewöhnen, obwohl ich meine alte vermisse. Ein bisschen gradliniger und irgendwie kommt sie mir glücklicher vor. Ach, selig sind die Dummen und Unwissenden! Wenn du einmal mit dem Feuer gespielt hast, willst du die Wärme immer und immer wieder spüren. Und du wirst dich immer und immer wieder verbrennen.«

»Ich habe noch nie zu den Leuten gehört, die sehnsüchtig auf den Herbst warten, aber im Moment tröstet er mich. Vielleicht, weil ich das Gefühl habe, ihm zu ähneln.«

Manchmal, wenn ich die Augen schließe, ist die Welt so schön. Schön und sorglos wie früher.

Donnerstag, 13. Oktober 2016

Herbst-Berlin


Nach fast drei Wochen irgendwo am Mittelmeer ist es nicht einfach, zu akzeptieren, dass es in Berlin Herbst geworden ist. Wenn ich könnte, würde ich mich in den Zug setzen und in die Heimat fahren, aber stattdessen hänge ich in der Großstadt fest, muss heute Abend dringend noch diese Bewerbung zu Ende schreiben, die erst aus anderthalb Sätzen besteht und morgen irgendwie wieder mit der zweiten Hausarbeit weitermachen, obwohl meine Gedanken seit vielen Tagen weit entfernt sind von Fußnoten und Recherche. Keine weiten Wiesen, bunten Blätter oder Kastanien, sondern graue Straßen, das ständige Rauschen der Autos und das fast leere Word-Dokument, das mir anklagend entgegenblickt. Sehr geehrte Damen und Herren, bitte, mich interessiert dieses Praktikum ja wirklich, aber es ist kalt geworden und ich kann meine Worte nicht in diesen formellen Kasten zwingen, denn dadurch schwindet noch mehr Wärme. Mein Tee ist auch schon fast ausgetrunken und nach diesen mit Menschen gefüllten Wochen fühle ich mich hier so einsam und trostlos.

Ich glaube, die Spätsommermelancholie habe ich verpasst, und vielleicht trifft mich der Herbst deshalb umso mehr. Wir haben so lange auf den Sommer gewartet, doch jetzt ist er schon wieder fort; und so lange noch bis zum nächsten. Für einen Moment erscheinen mir all die großen Pläne so klein und aus deinem scherzhaften Necken wird Ernst.


Oktober. Das ist die Zeit, in der ich in Berlin angekommen bin. Ich glaube, heute vor einem Jahr war das Katerfrühstück (ohne Kater) von der Anglistik-Fachschaft, an deren Website ich vorhin noch gebastelt habe und wo ich ein Mädchen kennengelernt habe, mit dem ich kurz vor meine Abreise noch so lange im Park geredet habe. Vor einem Jahr bin ich hier angekommen, so orientierungslos und verschreckt, habe angefangen, mich irgendwie um mich selbst zu kümmern und mein Leben in die Hand zu nehmen, ohne mir sicher zu sein, ob ich dafür bereit bin.
Ich weiß nicht, ob ich es war. Aber man lernt wohl, damit umzugehen, sich durchzubeißen, Ängste zu überwinden und plötzlich sieht man zurück und erkennt sich selbst nicht mehr. Hört dieses Lied, dass man damals bei diesem Konzert gehört hat, gerade so mit 15 reingeschummelt, und plötzlich hat es eine ganz andere Bedeutung. Das hätte ich nie von mir gedacht, aber so ist die Welt, und vielleicht ist es gar nicht nur meine Schuld, denn wir sind alle unperfekt. Oder einfach nur unterschiedlich und das ist gut und schlecht.

Heute kenne ich die Straßen. Mein Orientierungssinn ist immer noch hoffnungslos, aber langsam weiß ich, welchen Weg ich einschlagen muss, und wenn meine U-Bahn nicht mehr fährt und ich das letzte Stück laufen muss, dann fühle ich mich zu Hause. Diese Orte lösen jetzt Erinnerungen aus und Gefühle, und während ich letzten November noch ziellos die falsche Straße hinabgelaufen bin, weiß ich heute, welche zum Edeka führt und welche zu dir, welche zur U7, welche zum Copyshop, welche zum Ku’damm, welche in die Schwulen-Ecke. Dafür brauche ich keine Karte mehr und egal, wie die Urberliner immer über Zugezogene wettern (und es irgendwie doch selten ernst meinen), nach einem Jahr habe ich das Gefühl, irgendwie dazuzugehören.

Dieses Herbst-Berlin ist es, das ich zuallererst kennen gelernt habe, nicht bei einer der Tagestouren zum Shoppen oder ins Theater, sondern um zu bleiben. Und trotz allem macht es mich glücklich, es wiederzusehen.


Samstag, 10. September 2016

Dich.



Manche Leute machen es sich auch einfach schwer. Ich weiß, wie sehr du dich bemitleidest und die Welt dafür hasst, dass sie sich von dir abwendet, deinen Freunde dich verraten und du einsam und allein mit deinen Problemen kämpfen musst. Ich kenne das doch. Ich war immer die Dritte. Oder habe mir eingebildet, es zu sein. Ich weiß es nicht. Inzwischen kann ich damit leben.
Aber du? Du willst es doch so. Du versuchst schon so lange nicht mehr, das Gute zu sehen, du erkennst gar nicht, dass sich das alles nicht gegen dich richtet. Vielleicht nimmst du dich tatsächlich zu wichtig. Vielleicht erkennst du eines Tages, dass die Welt selten wirklich gegen dich spielt und dass wir alle doch nur leben wollen. Wir haben andere Pläne, als dich absichtlich gegen die Wand zu stoßen. Vielleicht streifen wir dich leicht an der Schulter, wenn wir auf etwas zugehen, aber es ist deine Entscheidung, ob du stehen bleibst oder fällst. Deine Entscheidung, was du aus dieser Berührung machst. Du kannst sie sehen, wie sie ist; einfach nur ein Mensch, vielleicht einer, der dir nahesteht, der im Leben vorangeht. Du kannst sie sehen, wie sie nicht ist; jemand, der dich mit voller Wucht zu Boden schmettert. Du kannst versuchen, einfach mitzugehen, und aus der Berührung wird ein Anstoß, der Moment, der dir zeigt, dass du nicht noch länger stehen bleiben kannst.
Glaub mir. Ich weiß, wie es sich anfühlt. Aber ich habe weitergemacht, immer wieder, mich durchgebissen. In meiner eigenen Welt Kraft geschöpft, Worte verwoben, Bilder gemalt, bis ich wieder wusste, wer ich bin; und dann bin ich zurückgekommen und wieder losgelaufen.
Du kannst nicht ewig in deiner Welt bleiben. Vielleicht ist es dort warm und geborgen, aber es ist auch einsam und dunkel, und deine Schatten werden dich wieder und wieder heimsuchen. Sie werden nicht verschwinden, wenn du jedes Mal zu ihnen zurückkehrst und ihnen dein Leid klagst, so dass sie immer und immer größer werden. Ich weiß, du willst das nicht hören, aber du brauchst das Licht, das von draußen gegen deine zugezogenen Vorhänge scheint.
Denn wenn du sie öffnen würdest, dich öffnen würdest, würde eine ganze Sonne auf dich warten.
Vielleicht ist es inzwischen schon spät. Nicht zu spät, das ist es nie, aber du hast dich so lange verborgen, dass du möglicherweise auch die Fenster öffnen und auf den Balkon treten musst. Du kannst nicht davon ausgehen, dass wir alle ewig warten und jeden Moment zurückkehren werden. Das hätten wir vor einer Weile noch getan, aber vielleicht ist es inzwischen an dir, uns darauf aufmerksam zu machen, dass du wieder da bist.

Aber vergiss nicht, dass wir da sind. Immer. Und wir vermissen dich. Dich ohne Rachsucht, Flüche und böse Blicke. Wir vermissen das, was hinter all dem immer noch da ist. Dich.